Lehrbuch der allgemeinen Chirurgie für Aerzte und Studirende / von Franz Koenig.
- Franz König
- Date:
- 1883-1889
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Credit: Lehrbuch der allgemeinen Chirurgie für Aerzte und Studirende / von Franz Koenig. Source: Wellcome Collection.
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![Gewebe im Wesentlichen beschränkte sein kann. Am längsten in dieser Richtung bekannt und in letzter Zeit vielfach besprochen ist die Heilung unter dem Schorf, auf welche wir noch unten (§ 108) zurückkommen. Bei oberflächlichen kleinen Verletzungen ist solche ja jedem Laien be- kannt. Aus der offenen Wundfläche sickert zunächst durchsichtige plasmatische Flüssigkeit aus, diese gerinnt und vertrocknet unter dem Einfluss der Luft zu einer Borke, welche unter günstigen Umständen bis zur definitiven Benarbung der kleinen Verletzung liegen bleibt. In der Regel sind nur für kleine und oberflächliche Hautverletzungen die Verhältnisse so günstig, dass ungestörte Schorfheilung zu Stande kommt, doch hat man zuweilen auch Gelegenheit, tiefe Wunden in der gedachten Art verheilen zu sehen. Ganz besonders bekannt ist der Heilungsweg für manche complicirte Beinbrüche, die sogenannten Durchstichfracturen. Man kann diese Schorfheilung begünstigen dadurch, dass man vermittelst eines antiseptischen Verbandes die äusseren Schädlichkeiten von der Wundfläche abhält. In solchen Fällen kann man sich davon über- zeugen, dass die Production von wirklichem Eiter eine ganz ausser- ordentlich geringe ist, dass alles, was producirt wird, in der That aus gewebsbildendem Material besteht. Wer Beobachtungen in dieser Rich- tung machen will, der nehme sich einen Hautdefect zum Object, den man am besten selbst angelegt hat, wie z. B. den Stirndefect bei pla- stischer Gesichtsoperation. Bestreut man einen solchen Defect direct nach der Operation mit einer dünnen Schicht von Jodoform und legt ein trockenes Lintläppchen auf, so bildet sich ein Schorf auf der Wunde, welcher noch nach Wochen derselben fest aufliegt, und wenn die Fläche nicht zu gross ist, so kann man, ohne dass ein Tropfen Eiter unter dem Läppchen herausfloss, erleben, dass die Heilung unter demselben zu Stande kommt. Nimmt man nach einiger Zeit, etwa nach 8 Tagen, Läppchen und Jodoform hinweg, so erstaunt man über die geringe Gewebsbildung. E]rst nach 10 Tagen etwa sieht man ma- kroskopisch deutliche Granulation. Es vollzieht sich also auch hier die Heilung, wie bei aseptischer Primärheilung, unter verhältnissmässig sehr geringer Leistung der Gewebe. Was aber den histogenetischen Vor- gang selbst anbelangt, so ist derselbe, abgesehen von dem Schlussact der Epidermisbildung auf der Wundfläche nicht wesentlich verschieden von dem, was bei der Primärheilung einer linearen Wunde beobachtet wird. Man muss sich nur die Wundfläche auseinander gezogen denken. Dann bildet sich zunächst auf der Oberfläche der Wunde eine Schicht gerinnenden Faserstoffs. Die Secretion bleibt bei ganz aseptischem Verlauf auch in den nächsten Tagen ganz verschwindend gering. Keine Röthung der Haut, keine Schwellung tritt ein; noch am 3. Tage er- kennt man die Gewebe, in der offenen Wunde. Allmälig färbt sich dieselbe gleichmässig roth, und wenn man die rothe Fläche genauer betrachtet, so erscheint sie ungleich feinwarzig, sie granulirt. Gerade bei der aseptischen Heilung fliessen übrigens die Granula sehr rasch zu einer gleichmässigen, schleimhautartigen Fläche zusammen. Nach und nach füllen sie die Wunde aus, erheben sich bis an das Niveau der Haut. Ist dies geschehen, dann beginnt der eigentliche NarbungsJ](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28125873_0107.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)