Die chronisch-infektiösen Bindhauterkrankungen / von W. Goldzieher.
- Wilhelm Goldzieher
- Date:
- 1888
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Credit: Die chronisch-infektiösen Bindhauterkrankungen / von W. Goldzieher. Source: Wellcome Collection.
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![durch die Untersuchung pathologischer Lider erschliessen konnte, eine strukturlose Hülle, welche besonders schön in den Fällen von hoch- gradiger trachomatöser Schrumpfung, von denen später noch gesprochen wird, hervortritt. Was nun die Conjunctiva, Bindehaut anbelangt, so besteht die- selbe, gleich jeder anderen Schleimhaut aus Epithel und einer Sub- stantia propria, nur dass diese Zusammensetzung an verschiedenen Lokalitäten der Bindehaut verschiedene Modifikationen erfährt. Schon das Epithel weist bedeutende Verschiedenheiten auf, je nachdem wir uns von der inneren Lidkante weiter gegen den Fornix bewegen. In einer mit der inneren Lidkante parallel gehenden Zone, die etwa dem Terri- torium des Musculus ciliaris Riolani entspricht,*) ist das Epithel mehr- schichtig, der Epidermisschichte des Lidrandes und der Haut entspre-- chend, sich ausserdem in Papillen in das Gewebe einsenkend. .Jenseits der beschriebenen Furche ist das Epithel nur zweischichtig, mit inneren kubischen und äusseren zylindrischen Zellen. Wo jedoch der tar.sale Theil in den orbitalen übergeht, wird das Epithel wieder mehrschichtig und bleibt als solches auch in seinem Uebergange auf die Conjunctiva bulbi. Die Substantia propria conjunctivae besteht aus einem Bindegewebs]ager, in welchem die Gefässe der Bindehaut verlaufen, und welches bei Erwachsenen durch seine netzförmige Struktur auffällt. Bei neugeborenen Kindern finde ich diesen Antheil auffallend breit und locker, und da die Gefässe sehr weit sind, beinahe von dem Aussehen eines Schwellkörpers. Es erklärt dieser Befund das enorme Anschwellen der Conjunctiva neugeboren erKinder bei blennorhoeischen Zuständen, ferner den Umstand, dass manchmal schon eine Berührung, z. B. ein Weg- wischen des Eiters verhältnissmässig bedeutende parenchymatöse Blu- tungen hervorruft. Dieses netzförmige Gewebe beginnt übrigens ungefähr erst dort, wo das mehrschichtige Epithel ins zweischichtige übergeht, und ist von geringer, übrigens nicht überall gleicher Dicke im tarsalen, von grösserer Dicke im Bindehautantheil. Es ist dadurch aus- gezeichnet, dass es lymphoide Zellen in grossser Zahl eingelagert ent- hält, so dass das Gewebe stellenweise den Charakter des Lymphdrüsen- gewebes, die cytogene oder adenoide Struktur annimmt. In diesem adenoiden Gewebe ist an manchen Stellen die Zeliinfiltration dichter, so dass es zu förmlichen Haufen von lymphoiden Zellen kommt, welche man als Follikel bezeichnen kann. Da diese Gewebsschichte es ist, welche der Boden gerade jener pathologischen Wucherungsvorgänge ist, die uns in dieser Monographie hauptsächlich beschäftigen werden, müssen wir genauer auf dieselbe eingehen. Unter adenoidem oder cytogen em Gewebe versteht die Histo- logie ein solches, welches aus einem eigenartigen Reticulum besteht, in denen lymphkörperchenähnliche Zellen haften. Dieses Reticulum besteht aus sehr feinen Fäserchen, die so dicht gewebt sind, dass in ihren Lücken gewöhnlich nur für einige wenige Lymphzellen Platz ist. *) Unter Musculus ciliaris Riolani verstehen wir einen um die Ausfüln-ungs- gänge der Meybom'schen Drüsen herum befindlichen Antheil des Orbicularsphinklers, der gleichsam als peripherstes Muskelbündel durch seinen Tonus die genaue An- passung der inneren Lidkante an den Bulbus zu sichern hat. Bei umgestülptem Lid markirt sich die Zone durch eine seichte Furche der Bindehautoberfläche, welche sich bei Reizungszusfänden und Lidkrampf zu vertiefen pflegt. Diese Furche hat deshalb einige klinische Bedeutung, weil sich daselbst kleinere fremde Körper, welche auf die Bindehaut des oberen Lides gelangen, manchmal zu fangen pflegen.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21633629_0008.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)