Volume 1
Handbuch der Kriegschirurgie / von H. Fischer.
- Fischer, H. (Hermann Eberhard), 1831-1919.
- Date:
- 1882
Licence: Public Domain Mark
Credit: Handbuch der Kriegschirurgie / von H. Fischer. Source: Wellcome Collection.
363/488 page 289
![beobachtet, welchen die amerikanischen Autoren in einem Falle nach Weinessig riechend fanden. Die quälendste Erscheinung ist aber der fürchterliche, brennende Schmerz (burning pain), welcher die nutritiven Störungen der Haut fast constant begleitet, denselben nicht selten vorausgeht oder mit denselben zugleich eintritt. Er sitzt daher auch meist in Hand und Fuss, niemals im Nervenstamm selbst, sondern in der Ausbreitung seiner Endzweige, tritt, wie die Hautatrophie, erst später bei beginnender Heilung auf und erreicht oft dadurch eine un- erträgliche Höhe, dass er auf andere Nervengebiete ausstrahlt. In einigen Fällen wüthet derselbe continuirlich im gelähmten Gliede, in anderen Fällen beginnt er in der Narbe und fährt blitzähnlich (Fulgura doloris [Cotugno]) durch das zitternde Glied, in anderen wieder bestehen lange Schmerzanfälle von ganz freien Intervallen gefolgt. — Mit dem Auftreten und Verschwinden der Exantheme auf der atro- phischen Haut lindern sich oder steigen die Schmerzen. Durch diese Neuralgien, welche sehr hartnäckig sind und Jahre hindurch bestehen können, kommen die Kranken sehr herunter, auch finden sich andere Nervenzufälle und Ohnmächten dabei ein. Dieser Schmerz rührt, wie die amerikanischen Autoren sich überzeugt haben, nicht von der directen Reizung des Nervenstammes in Folge der Schussverletzung her, sondern er wird hervorgebracht durch die Ernährungs- und Cir- culationsstörungen in der Umgebung ihrer Endäste. Die Temperatur der Theile, deren Nerven durchschossen waren, ist von den genannten amerikanischen Autoren auf thermoelektrischem Wege bestimmt worden, doch waren die dabei erzielten Resultate noch zu wenig genau, um weit gehende Schlüsse zu gestatten. War der Nervenstamm zerrissen, so wurde das kranke Glied meist kälter, als das gesunde, in fünf Fällen dagegen von den amerikanischen Autoren ein umgekehrtes Verhältniss gefunden. Auch symmetrische Trophoneurosen hat man nach einseitigen Schussverletzungen beobachtet. Annandale berichtet, dass nach Ver- letzung eines Fingers die unverletzte Hand auch zu atrophiren anfing, dass nach der Entfernung des kranken Gliedes die verwundete Hand sich wieder herstellte, die gesunde nicht. 5. Verlauf und Ausgänge der Nervenschussverletzungen. a. In Heilung und Restitution. §. 303. Wir wissen aus experimentellen und klinischen Thatsacben, dass eine Nervencontusion sich völlig wieder ausgleichen kann, wenn ihre Einwirkung keine zu lange und heftige war. Die Volumsver- minderung der Fibrillen ist in relativ kurzer Zeit, viel früher aber schon die Functionsstörung reparirt, länger dauert freilich die Resorption der Blutextravasate und die Heilung der Einrisse in den Nervenscheiden und Nervenfibrillen. Doch findet auch sie in der Regel Statt, so dass von den Contusionen der Nerven nur in den schwersten Fällen dauernde Störungen ihrer Functionen ausgehen. Die nordamerikanischen Autoren konnten einige Zeit nach der Contusion an der afficirten Stelle viele regenerirte Nervenfasern, welche sehr schmal und von be- sonderer Feinheit ihrer doppelten Contour waren und sich nach der Peripherie in die innerhalb der Sch wann'schen Scheiden liegenden H. Fischer, Kriegschirurgie. 19](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b20415680_001_0365.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


