Geschichte der griechischen Philosophie / hrsg. von Dr. Karl Köstlin.
- Albert Schwegler
- Date:
- 1882
Licence: Public Domain Mark
Credit: Geschichte der griechischen Philosophie / hrsg. von Dr. Karl Köstlin. Source: Wellcome Collection.
Provider: This material has been provided by the Francis A. Countway Library of Medicine, through the Medical Heritage Library. The original may be consulted at the Francis A. Countway Library of Medicine, Harvard Medical School.
128/480 page 116
![]^]^ß Sokrates. ZweiterAbschnitt. Die Systeme des Begriffs, § 21. Uebergaiig auf Sokrates. Das Recht und Verdienst der Sophistik bestand darin, dass sie das Prinzip der Subjeetivität oder des freien Selbstbewusst- seins aufgebracht, ihr Unrecht darin, dass sie die endliche oder empirische Subjeetivität zum Prinzip erhoben, dass sie das zu- fällige Wollen und Vorstellen des Individuums auf den Thron gesetzt hatte. Wohl tritt bei jedem Volke irgend einmal ein Zeitpunkt ein, wo die freie Reflexion erw^acht, wo die Ueber- lieferung, das Herkommen, das Positive ihre bisherige Aucto- rität und bindende Kraft verlieren, wo das Subject nach Grün- den fragt, und die Forderung erhebt, dass, was es anerkennen und befolgen soll, sich vor ihm als vernünftig ausweise. Diese Forderung ist allerdings berechtigt; dagegen kann andererseits von Demjenigen, der sie ausspricht, gefordert werden, dass er nicht sein zufälliges persönliches Meinen und Belieben zum Maassstab seines Urtheilens und zum Kanon seines Wollens und Handelns zu machen sich vermesse. Anspruch auf Geltung und Anerkennung hat die zu autouomischer Selbstständigkeit und Selbstbestimmung fortgeschrittene Subjeetivität nur dann, wenn ihr Denken und Thun, obwohl frei, doch kein subjectiv willkürliches ist, wenn dasselbe vielmehr selbst wieder beherrscht und getragen wird von etwas Objectivem, das heisst: wenn es getragen und beherrscht wird von dem Bestreben, die wirkliche, objective Beschaffenheit, den wirklichen, objectiven Werth, die wirklichen, objectiven Beziehungen der Dinge zu einander, kurz die wirklichen, objectiven Verhältnisse der Dinge wahrheitsge- mäss zu erkennen und dieser Erkenntniss gemäss zu urtheilen und zu handeln. Bios dasjenige Denken und Thun kann ein Recht auf Existenz besitzen, das den wirklichen Verhältnissen der Dinge angemessen ist und ihnen gerecht zu werden sucht.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21077125_0128.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


