Geschichte des Starrkrampfes unter besonderer Berücksichtigung dieser Krankheit bei Haustieren / [Gustav Gottfried Ferdinand Graumann].
- Graumann, Gustav Gottfried Ferdinand, 1866-
- Date:
- 1911
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Credit: Geschichte des Starrkrampfes unter besonderer Berücksichtigung dieser Krankheit bei Haustieren / [Gustav Gottfried Ferdinand Graumann]. Source: Wellcome Collection.
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![Der Starrkrampf ist eine scharf charakterisierte Krankheit, die in jedem Lebensalter sowohl beim Menschen als auch bei den Haustieren Vorkommen kann. Am häufigsten befällt er die Einhufer, besonders das Pferd und den Maulesel, und stellt sich als ein tonischer, ununterbrochener Krampf einer Anzahl Muskelgruppen dar, der, gewöhnlich aus kleineren Anfängen anwachsend, ständig weiter schreitet und sich bald langsamer, bald schneller über einen mehr oder weniger großen Teil des Körpers ausbreitet. Die krampfhafte Starre der Muskeln erfährt zuweilen durch äußere Heize anfallsweise blitzartige Steigerungen, die den ganzen Körper erschüttern und gelegentlich Erstickungs- anfälle hervorrufen können. Die kontrahierten Muskeln sind gespannt, brett- artig hart und meist der Sitz heftiger Schmerzen. Infolge der Anspannung der Muskeln prägen sich die Umrisse derselben stärker aus. In der Mehrzahl der Fälle besteht andauernde starke Schweißsecretion. Die Atmung ist erschwert, das Bewußtsein meist ungetrübt. Fieber fehlt häufig, kann sich aber später bis zu außerordentlich hohen Graden einstellen. Ferner ist noch die Steifheit und Schwerbeweglichkeit der Gliedmaßen hervorzubeben, die infolgedessen eine gespreizte, sägebockartige Stellung einnehmen. Der Schweif ist aufgerichtet und weggestreckt. Beim Heben des Kopfes tritt die Nickliaut hervor; die Augen sind in ihre Höhlen zurück- gezogen und schwer beweglich. Die Ohren sind steif aufgerichtet, die Nasen- löcher erweitert. Der Blick verrät große Angst; die Tiere sind überaus reizbar und schreckhaft, so daß der allgemeine Krampf durch die geringste Veranlassung (Berührung, Geräusch etc.) an Heftigkeit zunimmt. Der Puls kann beschleunigt sein, auch kann Kot- und Harnverhaltung bestehen. Die in der Maulhöhle zurückbleibenden Futtermassen und der Speichel zersetzen sich und riechen übel. Die Patienten leiden Hunger und Durst, weil sie infolge des Krampfes der Kaumuskeln Nahrungsmittel nicht aufnehmen, auch dieselben wegen des Krampfes der Schlundkopfmuskeln nicht abschlucken können. Zumeist beginnt der Krampf am Kopf und Hals, seltener in der Nachhand, und breitet sich gewöhnlich von vorn nach hinten weiter aus (absteigender Tetanus). In seltenen Fällen beschränkt sich der Krampf nur auf die Muskulatur einer gewissen Körpergegend (Tetanus partialis); gewöhnlich wird er indessen allgemein (Tet. universalis). Der Verlauf des Starrkrampfes ist in der großen Mehrzahl der Fälle ein ungünstiger; nach kürzerem oder längerem Bestehen der Krankheit tritt meist der Tod ein. Kommt der Patient durch, dann vergeht bis zu seiner völligen Wiederherstellung längere Zeit. In dieser kurz skizzierten charakteristischen Form hat sich der Starr- kram])!' sicherlich schon zu Urzeiten präsentiert, beschrieben wird er seit über 2000 Jahren. Der Starrkrampf des Menschen wird von den medizinischen Schriftstellern etwas früher besprochen, als der der Tiere. Schon Hippokrates, der berühmteste griechische Arzt des Altertums, den man wohl auch als den Vater der Menschenmedizin zu bezeichnen](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24878960_0012.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)