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Credit: Studien über Hysterie / von Jos. Breuer und Sigm. Freud. Source: Wellcome Collection.
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![Abend des armen Mannes wäre. Mit dieser letzten Mitteilung scheint die Verstimmung gelöst zu sein]1! Abends ist sie sehr heiter und zufrieden. Die Hypnose liefert gar kein Ergebnis. Ich beschäftige mich mit der Behandlung der Muskel- schmerzen und mit der Herstellung der Sensibilität am rechten Beine, was in der Hypnose sehr leicht gelingt, die hergestellte Empfindlichkeit ist nach dem Erwachen aber zum Teile wieder verloren gegangen. Ehe ich sie verlasse, äußert sie ihre Verwunderung darüber, daß sie so lange keinen Genickkrampf gehabt, der sonst vor jedem Gewitter aufzutreten pflegte. 18. Mai. Sie hat heute nacht geschlafen, wie es seit Jahren nicht mehr vorgekommen, klagt aber seit dem Bade über Kälte im Genicke, Zusammenziehen und Schmerzen im Gesichte, in den Händen und Füßen, ihre Züge sind gespannt, ihre Hände in Krampfstellungen. Die Hypnose weist keinerlei psychischen Inhalt dieses Zustandes von „Genickkrampf nach, den ich dann durch Massage im Wachen bessere2. 1 Ich erfuhr hier zum ersten Male, wovon ich mich später unzählige Male überzeugen konnte, daß bei der hypnotischen Lösung eines frischen hysterischen Deliriums die Mitteilung des Kranken die chronologische Reihenfolge umkehrt, zuerst die letzterfolgten und minderwichtigen Eindrücke und Gedankenverbindun- gen mitteilt und erst am Schlüsse auf den primären, wahrscheinlich kausal wichtigsten Eindruck kommt. 2 Ihre Verwunderung am Abend vorher, daß sie so lange keinen Genick- krampf gehabt, war also eine Ahnung des nahenden Zustandes, der sich damals schon vorbereitete und im Unbewußten bemerkt wurde. Diese merkwürdige Form der Ahnung war bei der vorhin erwähnten Frau Cäcilie M. etwas ganz Gewöhn- liches. Jedesmal, wenn sie mir im besten Wohlbefinden etwa sagte: „Jetzt habe ich mich schon lange nicht bei Nacht vor Hexen gefürchtet oder: „Wie froh bin ich, daß mein Augenschmerz so lange ausgeblieben ist, konnte ich sicher sein, daß die nächste Nacht der Wärterin den Dienst durch die ärgste Hexenfurcht erschweren, oder daß der nächste Zustand mit dem gefürchteten Schmerz im Auge beginnen werde. Es war jedesmal ein Durchschimmern dessen, was im Unbewußten bereits fertig vorgebüdet lag, und das ahnungslose „offizielle Be- wußtsein (nach Charcots Bezeichnung) verarbeitete die als plötzlicher Einfall auftauchende Vorstellung zu einer Äußerung der Befriedigung, die immer rasch und sicher genug Lügen gestraft wurde. Frau Cäcilie, eine hochintelligente Dame, der ich auch viel Förderung im Verständnisse hysterischer Symptome verdanke, machte mich selbst darauf aufmerksam, daß solche Vorkommnisse Anlaß zum bekannten Aberglauben des Beschreiens und Berufens gegeben haben mögen. Man soll sich keines Glückes rühmen, anderseits auch den Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er. Eigentlich rühmt man sich des Glückes erst dann, wenn das Unglück schon lauert, und man faßt die Ahnung in die Form des Rühmens, weil hier der Inhalt der Reminiszenz früher auftaucht als die dazu gehörige Empfindung, weil im Bewußtsein also ein erfreulicher Kontrast vorhanden ist.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21032427_0075.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


