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Credit: Studien über Hysterie / von Jos. Breuer und Sigm. Freud. Source: Wellcome Collection.
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![Ich darf hier vielleicht an eine kleine Arbeit erinnern, in der ich versucht habe, eine psychologische Erklärung der hysterischen Lähmungen zu geben. Ich gelangte dort zur Annahme, die Ursache dieser Lähmungen liege in der Unzugänglichkeit des Vorstellungskreises etwa einer Extremität für neue Assoziationen; diese assoziative Unzugänglichkeit selbst rühre aber davon her, daß die Vorstellung des gelähmten Gliedes In die mit unerledigtem Affekt behaftete Erinnerung des Traumas einbezogen sei. Ich führte aus den Beispielen des ge- wöhnlichen Lebens, an, daß eine solche Besetzung einer Vorstellung mit unerledigtem Affekte jedesmal ein gewisses Maß von assoziativer Unzugänglichkeit, von Unverträglichkeit mit neuen Besetzungen mit sich ^bringt3.) Es ist mir nun bis heute nicht gelungen, meine damaligen Vor- aussetzungen für einen Fall von motorischer Lähmung durch hypnotische Analyse zu erweisen,] aber [ich kann mich auf die Anorexie der Frau v. N . . als Beweis dafür berufen, daß dieser Mechanismus für gewisse Abulien der zutreffende ist, und Abulien sind ja nichts anders als sehr spezialisierte, — „systematisierte nach französischem Ausdrucke — psychische Lähmungen. Man kann den psychischen Sachverhalt bei Frau v. N . . im wesentlichen charakterisieren, wenn man zweierlei hervorhebt: 1. Es sind beij ihr die peinlichen Affekte von traumatischen Erlebnissen unerledigt verblieben, so die Verstimmung, der Schmerz (über den Tod des Marines), der Groll (von den Verfolgungen der Verwandten), der Ekel (von den gezwungenen Mahlzeiten), die Angst (von so vielen schreckhaften Erlebnissen) usw., und 2. es besteht bei ihr eine lebhafte Erinnerungstätigkeit, welche bald spontan, bald auf erweckende Reize der Gegenwart hin (z. B. 'bei der Nachricht von der Revolution in S. Domingo) Stück für Stück der Traumen mitsamt den sie begleitenden Affekten ins aktuelle Bewußtsein ruft.] Meine Therapie schloß sich dem Gange dieser Erinnerungstätigkeit an und suchte Tag für Tag aufzulösen und zu erledigen, was der jTag an die Oberfläche gebracht hatte, bis der erreichbare Vorrat an krankmachenden Erinnerungen erschöpft schien. An diese beiden psychischen Charaktere, die ich für allgemeine Befunde bei hysterischen Paroxysmen halte, ließen sich einige wichtige Betrachtungen anschließen, die ich verschieben will, bis dem Me- l_Archives de Neurologie, Nr. 77, 1893.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21032427_0088.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


