Die volksmedizinische Organotherapie und ihr Verhältnis zum Kultopfer / von M. Höfler.
- Max Höfler
- Date:
- [1908]
Licence: In copyright
Credit: Die volksmedizinische Organotherapie und ihr Verhältnis zum Kultopfer / von M. Höfler. Source: Wellcome Collection.
15/320 (page 7)
![vorzugte und gesuchte Mittel. Wenn beim griechischen Liebeszauber die Verwendung von Tieren und tierischen Organen als Seelenspeise sehr zurücktritt gegenüber dem Räucherungsritus und wenn nament- lich die billigeren pflanzlichen Mittel (Griftkräuter, tierische Gifte) in den Vordergrund treten, so ist dies ein Beweis der allmählichen Aus- artung und der späteren Empirie; aber auch hierbei ist die Verwendung solcher Mittel aus der Sphäre der tierischen Organe, die zu erreichen allerdings dem einzelnen schwerer fiel als jene aus der Pflanzenwelt, nicht ausgeschlossen. Es stimmen überhaupt gerade die magischen Riten beim Liebes-, Fruchtbarkeits- und Heilzauber so vielfach über- ein, daß beide nur aus einer Quelle, aus der Versöhnung der Seelen- geister durch Opfergaben — magice sacrificiorum usus, Plinius h. n. XXVIII, 50 — stammen können. Die durch Opfergaben versöhnten Geister vermittelten Liebesglück und Fruchtbarkeitssegen; sie hatten, wie schon erwähnt, nicht bloß eine schreckenerregende und verderben- bringende Seite, sondern auch eine wohltätige, belebende und segen- bringende Wunderkraft. Wenn nun solche unterirdische Mächte ihre Verehrung durch die Hausgenossen erfuhren, so war auch der Aus- artung des Opferritus bei Heil- und Liebeszauberzwecken Tür und Tor geöffnet. Wir sehen aber beim Heilzauber wie beim Liebeszauber die Berufung der Geister, die Besprechung mit raunenden Formeln, Bann worten, die Verbrennung der Opfertiere und Tierorgane mit Weih- rauch und anderem Räucherwerke (Räucherkräuter, Berufskräuter, Hexenkräuter, Altarblumen) die Stellvertretung des Menschen- und Tieropfers durch Gebilde aus Teig, die Verwendung von Menschen- und Tierblut, männlicher, schwarzer Tiere, der Knochenasche, des Knabenhirns, der Kinderleber, des Menschenherzens, der Hühnereier, der Leichen ungeborener, d. h. ausgeschnittener Kinder oder Kälber, die Speiseopfer, die Brotbrechung (fractio panis1), aptoxXaoia), die Brotbesegnung2), die Fenchel- und Lorbeerbrote, die Milch- und Honigmischung etc., man verwendete die Dämonenbedrohung beim Heilzauber wie beim Liebeszauber, man berief die Geister wie die Götter zum Liebesmahle (communio) beim Liebes- und Heilzauber — „elici deos et conlotjui“ (Plinius h. n. XXVIII, 27) —, man band den Dämon im Körper des Kranken wie den, der Gegenliebe erzeugen sollte. Die Geister der Verstorbenen, namentlich die ruhelosen Geister dei duich gewaltsame Todesart aus dem Leben Geschiedenen, wurden durch verlockende Speisen zum gemeinsamen Sippschaftsmahle (durch 7 [!] Brotbrocken symbolisiert) „berufen“. Die „Agoge“ des Liebe- zauberers und die Agoge des Heilkünstlers war dieselbe bei den griechischen Magiern; Manes, Hekate mit ihren Seelenhunden, Mer- kuilos chthonios, Chaos, Styx, Cerberus etc. wurden herbeigerufen, um durch Versöhnung mit den von der Sippe (oder dem einzelnen)'dar- gebrachten Speisen günstig gestimmt, versöhnt zu werden. Die Praxis sympathike spielt die gleiche Rolle beim Liebeszauber und beim Heil- zaubei (s. Abraxas 160); es findet sich die gleiche Ausartung des Ritus beim persönlichen Zwecke, während bei den Volksseuchen und bei Völkerver- Vergl Wilpert, Fractio panis. Fahz 167. Binterim II, 2. T- „ ) Nach Lucian (dialog. mer. IV, 5) war panis oder Seelenbrot der iuzMc ^ der Lohn für die Ueberlassung magischer Kräfte (Fahz 115, 167). ’](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24875715_0015.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)