Die pathologische Anatomie des Gehörorganes / bearbeitet von Hermann Steinbrugge.
- Steinbrügge, H. (Hermann), 1831-1901
- Date:
- 1891
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Credit: Die pathologische Anatomie des Gehörorganes / bearbeitet von Hermann Steinbrugge. Source: Wellcome Collection.
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![entzündlichen Vorgängen, lässt sich zur Zeit nicht aufstellen; wir ver- muthen, dass entzündliche Processe sowie mechanische Einwirkungen die [normale Entwicklung vollständig aufzuheben vermögen*). Im höchsten Grade räthselhaft sind ferner die Einflüsse der Erblichkeit welche noch am ehesten für einfache Entwicklungshemmung verantwort- lich gemacht werden könnten. Dass Vererbung einzelner Hemmungs- bildungen vorkomme, ist bei Gelegenheit der Ohr- und Halsfisteln be- reits erwähnt worden. Auch die angeborene Taubstummheit mehrerer Kinder einer f amilie ist eine bekannte Thatsache, aber gerade in dieser Beziehung, über das zuweilen beobachtete Adterniren der Geburten voll- sinniger und taubstummer Kinder, über das ausschliessliche Vorkommen (lei I aubstummheit bei den männlichen oder weiblichen Nachkommen, über die Ursachen der indirecten Vererbung sind wir vollständig im Dunkel. Ohne Zweifel können taubstumme Eltern vollsinnige Kinder zeugen; in anderen fällen gehen jedoch auch taubstumme Kinder aus diesen Ehen hervor. Ueber die Häufigkeit dieses Vorkommens herrscht noch keine Uebereinstimmung unter den Autoren. Graham Bell will eine Vermehrung der Taubstummen in Amerika durch Ileirathen der- selben unter einander nach weisen können, und berechnet, dass 33'/3pCt. ihrer Nachkommen taub oder stumm geboren werden. Nach den Beob- achtungen von Hartmann40), Moos-8) und Karscli35) liefern dagegen Verwandtschaftsehen ein grösseres Contingent für die Taubstummen- anstalten als die directe Nachkommenschaft taubstummer Eltern, wäh- rend neuere französische Autoren [vgl. Lannois60)] wiederum den Ehen unter Blutsverwandten jeden schädlichen Einfluss auf die Descendenten absprechen, vorausgesetzt, dass beide Theile gesund sind [vgl. auch Schmaltz,9)]. Grössere statistische Erhebungen werden in Zu- kunft diese Frage entscheiden müssen, auch dürfte es sich empfehlen, hinsichtlich der taubstummen oder vollsinnigen Nachkommenschaft taub- stummer Eltern die Frage zu berücksichtigen, ob die Taubstummheit der Eltern angeboren oder erworben war. Bezüglich der irritativen, entzündungerregenden Ursachen, welche *) Hinsichtlich des Einflusses mechanischer Wirkungen dürften (abgesehen von früheren Versuchen St. IJilaire’s und Valentin’s, welche Förster in seinem Werke „Die Missbildungen des Menschen“ pag. 5 erwähnt) die von Chabry an Ascidieneiern angestellten Experimente von Interesse sein. Es gelang demselben, durch leichtesten Druck mit einer stumpfen Nadel eine unregelmässige Zelltheilung, durch stärkeren Druck ausschliessliche Theilung der Kerne, ohne nachfolgende Spal- tung des Protoplasmas, also Riesenzellenbildung, und durch stärksten Druck Necrose hervorzurufen (Societe de biologie, 7. Juli 1888, cit. nach Weigert, Fortschr. der Med. 1888, p. 819). Es liegt daher nahe, namentlich bei einseitigen Missbildungen, abnorme Druckwirkungen innerhalb der Gebärmutter als nicht seltene Ursache der Entwicklungshemmung zu vermuthen. Auch die Beobachtungen von Entwicklungs- störungen an Zwillingen sprechen für die Wahrscheinlichkeit mechanischer Ursachen. Vor Kurzem sah ich eine Missbildung der rechten Ohrmuschel, Verschluss des rechten Gehörganges, Atrophie des Unterkiefers und Wolfsrachenbildung bei einem Mädchen, deren Zwillingsschwester vollständig normal entwickelt war. Zu den mechanisch wirkenden Ursachen wäre auch die Umschlingung des Kopfes durch die Nabelschnur zu rechnen [Moos28), Kiesselbach48)], welche in einigen Fällen von Missbildung constatirt wurde.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21718258_0022.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)