Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![§ 22. Schlufsbemerkungen : das Hauptergebnis. Ich komme zum Ausgangspunkt der dem Vorstellen von zeitlich distribuierten Gegenständen gewidmeten Untersuchungen zurück. Es wird also dabei bleiben müssen, dafs, wer die Melodie vorstellen will, zugleich die sämtlichen Töne vorstellen rnufs, die sie ausmachen, — allgemeiner: dafs, um ein Superius von zeitlich verschiedenen Inferioren vorzustellen, diese Inferiora simultan vorzustellen sind. Zugleich damit erhält nun aber auch der Umstand seine Bedeutung, der anerkanntermafsen die eigentliche Wurzel der Gegnerschaft gegen die Simultaneitäts- position ausmacht: das eigentümliche Verhalten der inneren Wahrnehmung zu den im Obigen unerläfslich gefundenen In- ferioren. Für den Hauptvorwurf der gegenwärtigen Darlegungen, dem im besonderen deren zweiter Abschnitt gewidmet war, hat das die nicht wohl zu verkennende Bedeutung, dafs die innere Wahrnehmung sogar Gegenständen gegenüber, denen eine in ihrer Natur gelegene Wahmehmungsflüchtigkeit keineswegs nach- zusagen ist, unter Umständen ganz regelmäfsig den Dienst versagt. Ich habe den im dritten Abschnitte eingeschlagenen Weg zu diesem Ergebnisse gewählt, weil sich auf demselben einerseits [266] die Gegenstände höherer Ordnung zugleich von einer charak- teristischen Seite zeigen, andererseits, weil dadurch einiger Ein- blick in das Wesen des Wahmehmens ganz im allgemeinen zu gewinnen war. Übrigens aber fehlt es auch sonst keineswegs an Zeugnissen dafür, dafs man durchaus nicht nur dort von der inneren Wahrnehmung im Stiche gelassen wird, wo es sich um Gegenstände höherer Ordnung handelt. Zum Belege diene hier etwa der kurze Hinweis auf die vielen Fälle, wo wir gehörte Worte verstehen, ohne dafs die direkte Wahrnehmung uns viel mehr als den Wortklang als „gegeben“ zu verraten vermag. Deutlicher noch als einzelne Wörter zeugen Sätze, namentlich längere. Die übertriebenen Forderungen, die Schumann in dieser Sache dem Vertreter der von ihm bekämpften Ansicht beimifst, sind oben1 bereits abgelehnt worden: nicht sämtliche Wörter des Satzes müssen gegenwärtig bleiben, wohl aber sämtliche Vorstellungsbestandstücke, aus denen sich der meist recht kom- Vgl. S. 453 f. 1](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0479.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


