Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![lieh die wissenschaftliche Bearbeitung des Gegenstandes als solchen und in seiner Allgemeinheit ihren sozusagen rechtmäfsigen Ort hat, die Frage also, ob es unter den durch das wissenschaft- liche Herkommen akkreditierten Wissenschaften eine gibt, in der man die theoretische Behandlung des Gegenstandes als solchen suchen oder von der man sie wenigstens verlangen könnte. § 2. Das Vorurteil zugunsten des Wirklichen [6], Es war kein Zufall, clafs die obigen Ausführungen, um zum Gegenstände zu gelangen, vom Erkennen ihren Ausgang nahmen. Gewifs, nicht nur das Erkennen „hat“ seinen Gegenstand: aber es hat ihn jedenfalls in einer ganz besonderen Weise, die es nahe legt, dort, wo vom Gegenstände die Rede ist, in allererster Linie an den Gegenstand des Erkennens zu denken. Denn der psychische Vorgang, den wir als Erkennen benennen, macht, genau genommen, für sich allein den Erkenntnistatbestand noch nicht aus: Erkennt- nis ist sozusagen eine Doppeltatsache, in der dem Erkennen das [4] Erkannte als ein relativ Selbständiges gegenübersteht, auf das jenes nicht nur, etwa in der Weise falscher Urteile, gerichtet ist, das vielmehr durch den psychischen Akt gleichsam ergriffen, er- fafst wird oder wie man sonst in unvermeidlich bildlicher Weise zu beschreiben versuchen mag, was unbeschreiblich ist. Fafst man nun diesen Erkenntnisgegenstand ausschliefslich ins Auge, so stellt sich die eben aufgeworfene Frage nach der Wissenschaft vom Gegenstände fürs erste in wenig günstigem Lichte dar. Eine Wissenschaft vom Gegenstände des Erkennens: besagt dies denn mehr als die Forderung, das, was als Gegenstand des Erkennens eben bereits erkannt ist, nun zum Gegenstände einer Wissen- schaft, somit ein zweites Mal zum Gegenstände des Erkennens zu machen ? Anders ausgedrückt: wird da nicht nach einer Wissen- schaft gefragt, die entweder durch die Gesamtheit der Wissen- schaften ausgemacht wird, oder noch einmal zu leisten hätte, was die sämtlichen anerkannten Wissenschaften zusammen ohne- hin leisten ? [7] Man wird sich zu hüten haben, auf solche Erwägungen hin den Gedanken einer allgemeinen Wissenschaft neben den Sonder- wissenschaften für wirklich ungereimt zu halten. Was den Besten aller Zeiten als letztes und vor allem würdiges Ziel ihres Wissens-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0501.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


