Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![man die Mathematik sicher nicht nennen wollen: es ist ja unver- kennbar, eine wie weite Anwendungssphäre ihr im praktischen Leben nicht minder als in der theoretischen Bearbeitung des Wirklichen gesichert ist. Dennoch handelt rein mathematische Erkenntnis in keinem einzigen Falle von etwas, dem es wesent- lich wäre, wirklich zu sein. Nirgends ist das Sein, mit dem die Mathematik als solche sich zu befassen hat, Existenz; nirgends geht sie in dieser Hinsicht über Bestand hinaus: existiert doch eine gerade Linie so wenig wie ein rechter Winkel, ein regel- mäfsiges Polygon so wenig als ein Kreis [9]. Dafs aber der mathe- matische Sprachgebrauch unter Umständen Existenz ganz aus- drücklich in Anspruch nimmt,1 kann doch nur für eine Besonder- [7] heit eben dieses Sprachgebrauches gelten, und kein Mathematiker dürfte anstehen, einzuräumen, dafs, was er von den seiner theo- retischen Bearbeitung zu unterwerfenden Objekten unter dem Namen der „Existenz“ fordert, am Ende doch nichts anderes ist, als was man sonst „Möglichkeit“ zu nennen pflegt, immerhin viel- leicht mit einer sehr beachtenswerten positiven Wendung dieses gemeinhin blofs negativ charakterisierten Begriffes [10]. Zusammen mit dem oben berührten Vorurteü zugunsten der Wirklichkeitserkenntnis läfst diese prinzipielle Unabhängigkeit der Mathematik von der Existenz eine Tatsache verstehen, die ohne Berücksichtigung dieser Momente billig befremden könnte. Ver- suche, die auf eine Systematik der Gesamtheit der Wissenschaften abzielen, finden sich der Mathematik gegenüber zumeist in einer Verlegenheit, aus der dann mehr oder minder künstliche Aus- kunftsmittel mit mehr oder weniger Glück heraushelfen müssen. Das steht im Grunde in auffallendem Gegensatz zu der Aner- kennung, man darf geradezu sagen Popularität, die sich die Mathe- matik durch ihre Leistungen selbst in Laienkreisen erworben hat. Aber die Einordnung alles Wissens in Natur- und Geisteswissen- schaft trägt unter dem Scheine einer vollständigen Disjunktion eben nur demjenigen Wissen Rechnung, das es mit der Wirklich- keit zu tun hat: es ist also näher besehen gar nicht zu wundern, dafs die Mathematik dabei nicht zu ihrem Rechte gelangt. 7) Vgl. K. Zindler, Beiträge zur Theorie der mathematischen Er- kenntnis, Sitzungsberichte der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, philos. hist. Kl. Bd. CXVIII, 1889, S. 33, auch 53f.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0504.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


