Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![§ 3. Sosein und Nichtsein. Es unterliegt also keinem Zweifel: was Gegenstand des Er- kennens sein soll, mufs darum noch keineswegs existieren. Indes könnten die bisherigen Ausführungen immer noch der Vermutung Raum geben, die Existenz könne nicht nur durch den Bestand ersetzt werden, sondern müsse es auch, wo keine Existenz vor- liegt. Aber auch diese Einschränkung ist unstatthaft. Das lehrt ein Blick auf die beiden eigentümlichen Leistungen des Urteilens und Annehmens, die ich durch die Gegenüberstellung der „theti- schen und synthetischen Funktion“ des Denkens1 [11] festzuhalten versucht habe. Im ersteren Falle erfafst das Denken ein Sein, im [8] zweiten ein „Sosein“, jedesmal natürlich ein Objektiv, das ganz verständlich dort als Seinsobjektiv, hier als Soseinsobjektiv bezeichnet werden mag. Nun entspräche es gar wohl dem eben berührten Vorurteile zugunsten der Existenz, zu behaupten, dafs von einem Sosein jedesmal nur unter Voraussetzung eines Seins geredet werden dürfte. In der Tat hätte es nicht viel Sinn, ein Haus grofs oder klein, eine Gegend fruchtbar oder unfruchtbar zu nennen, ehe man wiifste, dafs das Haus oder das Land existiert, existiert hat oder existieren wird. Aber die nämliche Wissen- schaft, der wir oben die zahlreichsten Instanzen gegen jenes Vor- urteil entnehmen konnten, läfst auch besonders deutlich die Un- haltbarkeit eines solchen Prinzips erkennen: die Figuren, von denen die Geometrie handelt, existieren nicht, wie wir wissen; dennoch sind ihre Eigenschaften, also wohl ihr Sosein, festzustellen. Ohne Zweifel wird auf dem Gebiete des blofs a posteriori Erkenn- baren eine Soseinsbehauptung sich gar nicht legitimieren können, wenn sie nicht auf Wissen von einem Sein gegründet ist: und ebenso sicher mag dem Sosein, das nicht ein Sein gleichsam hinter sich hat, oft genug alles natürliche Interesse fehlen. Das alles ändert nichts an der Tatsache, dafs das Sosein eines Gegenstandes durch dessen Nichtsein sozusagen nicht mitbetroffen ist. Die Tatsache ist wichtig genug, um sie ausdrücklich als das Prinzip der Unabhängigkeit des Soseins vom Sein zu formulieren2 [12], 1 „Über Annahmen“, S. 142ff. 2 Zuerst ausgesprochen von E. Mally in seiner durch den Wartinger- preis 1903 gekrönten Abhandlung, die völlig umgearbeitet in Nr. III dieser Untersuchungen [59] vorliegt. Vgl. daselbst Kap. I, § 3.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0505.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


