Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![des Hierhergehörigen darzulegen versucht.1 Demgemäfs wäre, wenn man sich z. B die eben erwähnte Subjektivität der sensiblen Qualitäten gegenwärtig hält, vom Gegenstände etwa der Blau- vorstellung nur im Sinne einer Fähigkeit dieser Vorstellung zu reden, der die Wirklichkeit sozusagen die Gelegenheit vorenthält sich zu betätigen. Vom Standpunkte der Vorstellung besehen, scheint mir auch jetzt noch damit etwas ganz Wesentliches ge- troffen: aber ich kann mir heute nicht verhehlen, dafs der Gegen- [10] stand, um nicht zu existieren, das Vorgestelltwerden womöglich noch weniger nötig hat, als um zu existieren, und dafs selbst, sofern er darauf angewiesen wäre, aus dem Vorgestelltwerden doch höchstens eine Existenz — die ,,Existenz in der Vorstellung“, also genauer die „Pseudoexistenz“ 2 — resultieren könnte. Genauer ausgedrückt: wenn ich behaupte, „Blau existiert nicht“, so denke ich dabei in keiner Weise an eme Vorstellung und deren etwaige Fähigkeiten, sondern eben an Blau. Es ist, als ob das Blau erst einmal sein rnüfste, damit man die Frage nach seinem Sein oder Nichtsein überhaupt auf werfen könne. Um aber nicht neuerlich in Paradoxien oder wirkliche Ungereimtheiten zu verfallen, mag etwa die Wendung gestattet sein: Blau und ebenso jeder andere Gegenstand ist unserer Entscheidung über dessen Sein oder Nicht- sein in gewisser Weise vorgegeben, in einer Weise, die auch dem Nichtsein nicht präjudiziert. Von der psychologischen Seite könnte man die Sachlage auch so beschreiben: soll ich in betreff eines Gegenstandes urteilen können, dafs er nicht ist, so scheine ich den Gegenstand gewissermafsen erst einmal ergreifen zu müssen, um das Nichtsein von ihm aussagen, genauer es ihm zuurteilen, oder es ihm aburteilen zu können [16]. Man könnte hoffen, diesem trotz seiner Alltäglichkeit doch, wie man sieht, ganz eigenartigen Sachverhalte mit etwas mehr theoretischer Strenge durch folgende Erwägung gerecht zu werden. Dafs ein gewisses A nicht ist, kürzer das Nichtsein des A, ist, wie ich an anderem Orte dargelegt habe3, ganz ebensogut ein Ob- jektiv, wie das Sein des A: und so gewifs ich berechtigt bin zu behaupten, dafs A nicht ist, so gewifs kommt dem Objektiv „Nicht- sein des A selbst ein Sein (genauer, wie oben berührt, ein Bestand) zu. Nun steht das Objektiv, gleichviel ob Seins- oder Nichtseins- 1 „Über Annahmen“, S. 98ff. 2 Vgl. „Über Gegenstände höherer Ordnung usw.“ a. a. O. S. 186C 3 „Über Annahmen“, Kap. VII.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0507.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


