Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
Licence: In copyright
Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
511/576 page 495
![vom Seienden überhaupt als die Wissenschaft von den Erkenntnis- gegenständen schlechthin angesehen werden könnte. Dabei war nun aber in den letzten Paragraphen eben immer nur von Gegen- [14] ständen des Erkennens die Rede, indes doch schon die an den Anfang dieser Ausführungen gestellte Frage davon hatte Akt nehmen müssen, dafs nicht nur das Erkennen, sondern jedes Urteilen und Vorstellen seinen Gegenstand habe, von der Gegenständlich- keit aufserintellektueller Erlebnisse nun gar nicht noch einmal zu reden. Diese umfassende, ja, wie bereits einmal flüchtig berührt, vielleicht geradezu charakterisierende Bedeutung der Gegenständ- lichkeit für das psychische Leben kann nun den Gedanken nahe- legen, wir hätten uns oben durch ausschliefsliche Berücksich- tigung des Erkennens auf einen leicht vermeidlichen Abweg führen lassen, indem doch natürlichst diejenige Wissenschaft sich mit den Gegenständen als solchen werde zu beschäftigen haben, deren Pflicht es ist, von jener Gegenständlichkeit zu handeln, eine Aufgabe, die dem eben wieder Berührten gemäfs ja doch nur der Psychologie zufallen zu können scheint. Es wird vor allem jedenfalls eingeräumt werden müssen, dafs der gegenwärtige Betrieb der Psychologie einer solchen Auffassung durchaus nicht in jeder Hinsicht entgegen ist. Es gibt ja z. B. eine Tonpsychologie nicht minder als eine Farbenpsychologie, die es keineswegs für ihre unwichtigste Aufgabe hält, die Mannig- faltigkeit der dem betreffenden Sinnesgebiete zugehörigen Gegen- stände zu ordnen und auf ihre sonstige Eigenart zu untersuchen.1 Auch ist es ganz natürlich, dafs die Wissenschaft von den psychi- schen Tatsachen die eigentümlichen Leistungen des Psychischen und insbesondere des Intellektuellen mit in Untersuchung zieht. Es wäre eine seltsame Psychologie des Urteils, die von dessen Fähigkeit keine Notiz nähme, unter ausreichend günstigen Um- ständen gleichsam über sich hinauszugreifen, sich in gewisser Weise der Wirklichkeit zu bemächtigen. Und gibt es aufser der Wirklich- keit noch anderes, von dem sich Kenntnis nehmen läfst und von dem wir mit Hilfe gewisser intellektueller Operationen Kenntnis zu nehmen imstande sind, so wird die Psychologie sicher nicht unterlassen dürfen, unter Einem mit dieser Fähigkeit jenes Aufser- 1 Vgl. einiges Nähere in meinen „Bemerkungen über den Farben- körper und das Mischungsgesetz“, Zeitschrift für Psychologie und Physio- logie der Sinnesorgane, Bd. XXXIII, S, 3ff.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0511.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


