Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![wirkliche mit in Betracht zu ziehen, dem die diese Fähigkeit charakterisierenden Leistungen zugewandt sind [15]. Insofern also finden die Gegenstände des Urteilens, An- nehmens und Vorstellens, ebenso die des Fühlens und Begehrens ohne Zweifel Eingang in die Psychologie: aber jedermann merkt sofort, dafs dabei diese Wissenschaft auf die Gegenstände nicht um ihrer selbst willen Bedacht nimmt. Für die Praxis innerhalb wie aufserhalb des Wissenschaftsbetriebes mag freilich oft genug recht nebensächlich sein, was beabsichtigter Haupterfolg, was fast nur per accidens mitgenommener Nebenerfolg ist: der Altertumskunde z. B. ist es sicherlich bestens zustatten gekommen, dafs die Erfordernisse der Textinterpretation die Philologen so oft auf die „Realien“ hin wiesen. Dennoch denkt niemand daran, klassische Altertumskunde für klassische Philologie zu erklären, welch letztere sonst leicht Anspruch auf die verschiedensten Disziplinen erheben könnte, Avie ja tatsächlich die Beschäftigung mit den alten Sprachen den Ausgangspunkt für den verschiedenartigsten Wissenschaftsbetrieb abgegeben hat. Ähnlich könnte auch psycho- logische Forschung für Nachbargebiete Früchte tragen, zumal so- fern diese zu Wissenschaften gehören, die entweder minder ent- wickelt sind wie die Psychologie oder wohl gar eine förmliche Anerkennung als Sondenvissenschaften noch gar nicht gefunden haben. Dafs sich solches in betreff der theoretischen Bearbeitung der Gegenstände wirklich zugetragen hat, beweist vielleicht nichts deutlicher als das oben bereits erwähnte Beispiel der Farben, bei denen ohne ZAveifel erst die Erforschung des psychologischen Sachverhaltes auf die des gegenständlichen, der Farbenkörper auf den Farbenraum hingeführt hat.1 Wie wenig inan gleichwohl die Psychologie für die eigentliche Wissenschaft von den Gegen- ständen gelten lassen dürfte, ergibt der Hinweis auf die eben schon herangezogene Sprachwissenschaft noch in einer anderen Hin- sicht. Auch diese hat es ja in den Wort- und Satzbedeutungen ganz obligatorisch mit Gegenständen zu tun2, und die Grammatik hat dem theoretischen Erfassen der Gegenstände wirklich in ganz grundlegender Weise vorgearbeitet. So ist in der Tat nicht ab- zusehen, unter welchem Gesichtspunkte in dieser Sache der Psycho- logie ein Vorrecht einzuräumen wäre: vielmehr erkennt man deut- 1 Vgl. a. a. O. S. 11 ff. 2 Vgl. „Über Annahmen“, S. 271 ff.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0512.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


