Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![lieh, wie eben keine [16] der beiden Disziplinen die gesuchte Wissen- schaft von den Gegenständen sein kann. Es müfste aber wirklich auch mit seltsamen Dingen zugehen, wenn, nachdem sich die Gesamtheit der Wissenschaften vom Seienden einschliefslicli der Wissenschaft von der Gesamtheit des Wirklichen dazu als unzureichend erwiesen hat, nun doch eine dieser Wissenschaften sozusagen unversehens die Eignung zeigte, die Gesamtheit der Gegenstände zu umfassen. Man kann zudem genau angeben, welcher Ausschnitt aus dieser Gesamtheit allein und zwar günstigsten Falles die Psychologie zu beschäftigen ver- mag. Nur für solche Gegenstände kann sich die Psychologie interessieren, auf die irgendein psychisches Geschehen wirklich gerichtet ist; kürzer könnte man vielleicht sagen: nur für solche, die tatsächlich vorgestellt werden, deren Vorstellungen also existieren, die sonach selbst wenigstens „in unserer Vorstellung existieren“, richtiger pseudo-existieren1 [22]. Darum war oben der Farbenkörper, als der Inbegriff aller Farben, die in der Empfindung und Einbildung des Menschen wirklich Vorkommen, als Angelegen- heit der Psychologie zu bezeichnen, und auch er nicht mit strenger Genauigkeit, da diese Gesamtheit so wenig, als sonst je eine Punkt- menge, ein Kontinuum wirklich auszumachen vermag, soweit nicht etwa Veränderungsvorgänge dabei zu Hilfe kommen.2 Dagegen ist die Konzeption des Farbenraumes nur auf die Natur der ein- schlägigen Gegenstände gegründet, also ganz unpsychologisch, aber zweifellos gegenstandstheoretisch, und man spürt vielleicht an dem Beispiel ganz unmittelbar, ohne Zuhilfenahme besonderer Er- wägungen die prinzipielle Verschiedenheit des im einen und im anderen Falle eingenommenen Standpunktes. Nur ein Gedanke könnte etwa noch geeignet scheinen, den Eindruck völliger Verschiedenheit zu verwischen, mindestens so viel glaublich zu machen, dafs es, entgegen der eben in betreff der Farben vertretenen Auffassung, genau besehen doch keinen Gegen- stand geben könne, der nicht ganz unvermeidlich auch als Vor- stellungsgegenstand mit vor das Forum der Psychologie gehöre. [17] Auf welchem Wege immer, so könnte man meinen, wir auch dazu gelangt sein mögen, den betreffenden Gegenstand der theoretischen Bearbeitung zuzuführen, wir müssen ihn am Ende doch erfafst, 1 „Über Gegenstände höherer Ordnung usw.“, a. a. O. S. 186f. 2 Vgl. E. Mai/LY in der dritten der gegenwärtigen Untersuchungen [59], Kap. I § 15, Kap. III § 20, Kap. IV § 25. Meinong, Gesammelte Abhandlungen. Bd. II. 32](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0513.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


