Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![theoretischen Dingen beschäftigt hat, seinen Tribut vorenthalten haben wird ? Jene Doppelseitigkeit des Erkennens ist auffällig genug, dafs sie kaum jemand übersehen könnte, gäbe es nur Existierendes zu erkennen. Aber schon die ganze Mathematik, besonders auffällig die Geometrie, handelt, wie wir sahen, von Nicht wirklichem; und so führt das wiederholt erwähnte Vorurteil zugunsten der Wirklichkeit schon hier zu einem ganz einleuchtend scheinenden und doch im Grunde so wunderlichen Dilemma, dessen man sich explicite freilich nicht leicht bewufst werden mag, das sich aber etwa so formulieren läfst: Entweder es existiert das, dem sich das Erkennen zu wendet, in Wirklichkeit, oder es existiert doch wenigstens ,,in memer Vorstellung“, kürzer: es „pseudo- existiert“. Für die Natürlichkeit dieser Disjunktion legt vielleicht nichts beredteres Zeugnis ab, als die Anwendung des Wortes „ideal“, das für das moderne Sprachgefühl ja ohne Rücksicht auf alle Geschichte so viel als „gedacht“ oder „blofs vorgestellt“ bedeutet und dadurch ganz von selbst allen jenen Gegenständen zufallen zu müssen scheint, die nicht existieren oder wohl gar auch nicht existieren können. Was nicht aufser uns existiert, mufs, so denkt man unwillkürlich, doch wenigstens in uns existieren: es gerät vor das Forum der Psychologie und man kann dann am Ende noch dem Gedanken Raum geben, ob sich nicht auch das Erkennen des Existierenden und mit diesem Erkennen die Wirklichkeit selbst „psychologisch“ behandeln lasse [30], Und vielleicht läfst sich nun jenes WirldichkeitsVorurteil selbst noch einen Schritt zurück verfolgen, indem man die Wahrheit auf zeigt, der es entsprungen sein könnte. Es wäre sicher irrig, zu meinen, dafs jedes Erkennen von Existenz oder von einem Existierenden handeln müfste: ist es aber nicht richtig, dafs es am Ende doch jedes Erkennen als solches mit einem Seienden zu tun [25] hat ? Das Seiende, die „Tatsache“, ohne die kein Erkennen für Erkennen gelten dürfte, ist das durch den betreffenden Erkenntnis- akt erfafste Objektiv, dem ein Sein, genauer Bestand [31] zu- kommt, mag es positiv oder negativ, mag es ein Sein oder ein Sosein sein. Wäre es allzu gewagt, zu vermuten, diese jedem Er- kennen unfehlbar beigegebene Tatsächlichkeit seines Objektivs habe eine Art Übertragung auf das von der Theorie ohnehin fast allein beachtete Objekt erfahren, um dann etwa noch zur still- schweigenden Forderung der Wirklichkeit alles dem Erkennen Gegenüberstehenden übertrieben zu werden ?](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0521.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


