Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![der Wissenschaften für die Mathematik eigentlich nie einen recht natürlichen Platz hat ausfindig machen können. Irre ich nicht, so hatte das der Hauptsache nach darin seinen Grund, dafs der Begriff der Gegenstandstheorie noch nicht gebildet war; die Mathematik aber im wesentlichen ein Stück Gegenstandstheorie ist [82]. Ich sage ,,im wesentlichen“ und möchte damit, das meinte ich mit den eben berührten Ungeklärtheiten, die Eventualität einer noch irgendwie ganz eigenartigen Differentiation mathematischer Inter- essen ausdrücklich offen gelassen haben.1 Von derlei abgesehen scheint mir ganz offenbar, dafs der Mathematik auf ihrem Gebiete innerliche und äufserliche Momente den Vorzug gesichert haben, zu leisten, was für das Gesamtgebiet der Gegenstände durch- zuführen sich die Gegenstandstheorie zur Aufgabe stellen, oder wohl nur als freilich unerreichbares Ideal vor Augen halten mufs. Hat es aber damit seine Richtigkeit, dann ist vollends unverkenn- bar, wie wenig gegenstandstheoretische Interessen, sobald ihnen einigermafsen ins Speziellere hinein Rechnung getragen wird, noch erkenntnistheoretische Interessen sind. Ich ziehe aus dem Dargelegten den Schlufs, dafs die Gegen- standstheorie auf die Stellung einer auch der Erkenntnistheorie gegenüber selbständigen Disziplin und damit auf die einer selb- ständigen Wissenschaft schlechthin Anspruch hat [38]. Da dieser Anspruch nicht für etwas Fertiges erhoben werden kann, sondern im Gegenteil für ein kaum den ersten Anfängen nach Verwirk- [28] lichtes, so liegt in der hohen Entwicklung eines Teiles dieses vorerst mehr geforderten als aufzuweisenden Ganzen ein kaum gering anzuschlagendes äufseres Hindernis für die Anerkennung des in Rede stehenden Anspruches. Leicht könnte es ein Mathe- matiker als eine nicht ganz geringfügige Zumutung verspüren, wenn er einräumen sollte, dafs er „eigentlich“ Gegenstandstheore- tiker sei. Aber auch vom Physiker oder Chemiker wird niemand verlangen, er solle sich für einen Metaphysiker halten, einmal, weil man eine bereits vorhandene Wissenschaft nicht nach einer vorerst blofs erstrebten wird charakterisieren oder gar benennen können, dann aber, weil eine relativ allgemeinere Wissenschaft als solche sich Ziele stecken kann, ja mufs, die der relativ speziellen fremd sind. Dieser zweite Punkt wird im Verhältnis der Matlie- Vgl. als Anfang einschlägiger Feststellungen E. Mally in Nr. III dieser Untersuchungen [59], Einl. § 2, Kap. VII, § 40f.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0524.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


