Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![Metaphysik Beigebrachte ein Definitionsvorschlag: den Namen „Metaphysik“ auf die Allgemeinwissenschaft vom Wirklichen ein- zuschränken, wäre eben gleich wünschenswert im Interesse klarer Aufgabenstellung für diese Wissenschaft, wie im Interesse deut- licher Abgrenzung derselben gegenüber der Gegenstandstheorie. Nur ist hier nun in bezug auf letztere noch ein Punkt ins [39] reine zu bringen. Ist Metaphysik die Allgemeinwissenschaft vom Wirklichen, wollen wir ihr die Gegenstandstheorie als Allgemein- wissenschaft vom Nichtwirklichen gegenüberstellen ? Das wäre offenbar zu eng: warum sollten die wirklichen Gegenstände aus der Lehre vom Gegenstände als solchem ausgeschlossen sein ? Oder wäre es entsprechender, die Gegenstandstheorie als Lehre vom Bestehenden zu kennzeichnen, das Wort „bestehen“ einiger- mafsen im Gegensatz gegen „existieren“ genommen,1 wobei voraus- gesetzt werden dürfte, clafs zwar alles Existierende auch besteht, nicht aber alles Bestehende (z. B. Verschiedenheit) existiert ? Auch hier wäre nicht das Gesamtgebiet einbegriffen, das, wie wir sahen, der Gegenstandstheorie untersteht: das Nichtbestehende, das Absurde wäre ausgeschlossen, dem das natürliche Interesse ja sicher nur in weit geringerem Mafse zugewandt ist und das auch intellektuellem Erfassen weniger Angriffspunkte bietet,2 aber am Ende doch auch zu dem „Gegebenen“ gehört, so dafs die Gegenstandstheorie es in keiner Weise ignorieren kann. Solchen Mängeln liefse sich einfach durch die Festsetzung , begegnen, die Gegenstandstheorie beschäftige sich mit dem Ge- gebenen ganz ohne Rücksicht auf dessen Sein, indem sie nur auf die Erkenntnis seines Soseins bedacht sei. Und immerhin ist, was ein Verbleiben bei dieser Bestimmung verbieten dürfte, bereits sozusagen gegenstandstheoretisch intimerer Natur. Wollte sich nämlich die Gegenstandstheorie Gleichgültigkeit gegen das Sein zum Grundsätze machen, dann müfste sie zugleich darauf ver- zichten, Wissenschaft zu sein, und auch das Erkennen des Soseins wäre damit ausgeschlossen. Denn für das Erkennen ist, wie wir wissen, zwar durchaus nicht erforderlich dafs sein Gegenstand sei: aber ein seiendes [49] Objektiv mufs jedes Erkennen haben, und befafste sich die Gegenstandstheorie mit einem Sosein, dem selbst ein Sein nicht mehr zukäme, so hätte sie, von hier zu übergehenden 1 „Über Gegenstände höherer Ordnung usw.“, S. 186. 2 Vgl. E. Mali.y in Nr. III dieser Untersuchungen, Kap. I, § 5f.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0535.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


