Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong.
- Alexius Meinong
- Date:
- 1913
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Credit: Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und Gegenstandstheorie / von Alexius Meinong. Source: Wellcome Collection.
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![Vorgegriffen ist einer diesbezüglichen Entwicklung durch die oben vorgeschlagene Definition nicht. So gut der empirischen Allgemein- wissenschaft empirische Sonderwissenschaften gegenüberstehen, so gut können der apriorischen Allgemeinwissenschaft apriorische Sonderwissenschaften zur Seite treten. Realisiert ist diese Mög- lichkeit zurzeit nur in der Mathematik, die durch ihre Subsumtion unter gegenstandstheoretische Gesichtspunkte zwar nicht neben wirkliche, wohl aber mindestens neben mögliche Disziplinen ge- stellt ist, so dafs sie sich nunmehr auf alle Fälle keineswegs in jener seltsamen Isolierung befindet, die uns bereits oben als Zeichen eines Mangels in der bisher üblichen wissenschaftstheoretischen Auffassung dieser Wissenschaft aufgefallen ist.1 Schliefslich aber mufs ich nun noch einmal auf die oben ohne Appell an eine Definition vollzogene Einbeziehung der Gegenstands- theorie unter die philosophischen Wissenschaften zurückkommen. Ich habe seinerzeit diejenigen Wissenschaften als philosophische zusammenzufassen versucht, die sich entweder nur mit Psychischem oder doch auch mit Psychischem befassen [52j. Es ist nun neueotens die Vermutung ausgesprochen worden,2 meine relations- und kom- plexionstheoretischen Arbeiten [53] dürften mich dazu geführt haben, der Philosophie nunmehr einen Doppelgegenstand, „Psychi- sches und Relationen (nebst Komplexionen)“ als wesentlich zuzu- sprechen. Dafs eine solche Modifikation die ursprüngliche Bestim- mung ganz und gar um ihre Einheitlichkeit brächte, ist ohne weiteres ersichtlich; und nur wenn man einer Charakteristik der Philosophie für jeden Fall den Gedanken zugrunde legen zu müssen meinte, dafs das Objekt ihrer Forschung einfach durch dasjenige ausgemacht werde, was ihr die Naturwissenschaft sozusagen übrig gelassen hat,3 dürfte man keinen Anstofs daran nehmen, falls dieser Rest sich auch als ein noch so buntes Vielerlei darstellen sollte. Aber eine sonderlich würdige Position wäre der Philosophie damit nicht angewiesen: und möchte es auch gar nicht ohne jede praktische Berechtigung sein, einen Wissenschaftsbetrieb einzu- führen, der im [44] wesentlichen darauf gerichtet wäre, Rückstände aufzulesen, so könnte das schwerlich etwas an der Tatsache ändern, dafs theoretisch diese Rückstände zusammen noch bei weitem 1 Vgl. oben S. 7, 27. 2 VonHöFLER in seiner Studie „Zur gegenwärtigen Naturphilosophie“, a. a. O. S. 124 (64), Anm. 3 Vgl. J. Breuer bei Höfler a. a. O. S. 190 (130).](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28066819_0539.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


