Die Cholera in Orel im Jahre 1847. Ein Beitrag zur Kenntniss dieser Krankheit / [Hugo Leonard von Gutzeit].
- Gutzeit, Hugo Leonard von, 1811-1882.
- Date:
- 1848
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Credit: Die Cholera in Orel im Jahre 1847. Ein Beitrag zur Kenntniss dieser Krankheit / [Hugo Leonard von Gutzeit]. Source: Wellcome Collection.
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![Krankheit herrschte, Keiner genas!), und dass jetztin Saratow eine Mortalität von 87 °/, herrschte; so ist es zu beklagen, dass man die Kranken nicht lieber ihrem Instinkt überliess, wobei gewiss weniger der- selben zu Grunde gegangen wären. Die Hälfte der Befallenen, ja selbst 2/,, geht aber da, wo die Krankheit bösartiger auftritt, verloren, und dies ist immer noch fürchterlich genug. Wenn also Uffer in Pesth in seiner 1831 erschienenen Schrift „Ueber die Cholera morbus“ ganz ernsthaft versichert: die Heilkunde habe im Bekämpfen der Brechruhr einen entscheidendern Sieg als bei irgend einer andern epidemischen, contagiösen Krankheit bisher davongetragen; so müssen wir den Mann entweder für toll, oder für den unverschämtesten Lügner halten, den je das Licht der Sonne beschien. Ebenso ungereimt ist es aber, wenn Lichtenstädt, [meine Erfah- rungen in der asiatischen Gholera während ihrer Herrschaft in Peters- burg1831] derselbe Uffer und noch einige Andere behaupten : nie heile die vis medicatrix naturae einen nur einigermaassen ausgebildeten Fall von Cholera, und ohne Behandlung gehe der Mensch dem sichern Tode, selbst in minder intensiven Fällen, entgegen. Der Walırheit weit näher kommen würde hier der paradoxe Satz: nur einzig die Naturhilfe hat bis jetzt den glücklichen Ausgang der meisten günstig abgelaufenen Fälle bedingt — während es von der andern Seite ein unumstössliches Faktum ist, dass bei der ersten Gholeraepidemie falsche Kunsthilfe Schuld an dem Untergang von !/, aller an der Krankheit Gestorbenen trug, und auch jetzt noch so manches Opfer ihr fallen mag. — Um die Stellung der heutigen Kunst zu der Cholera in ein rechtes Licht zu setzen, muss man sich einen Arzt denken, welchem die Auf- gabe ward, eine Febris intermittens apoplectica ohne China oder Arsen zu behandeln. Wie die Kunst hier, ohne die beiden specifischen Mittel, trotz allen „Individualisirens“ undaller „rationellen Indicationen“ macht- los ist, und da, wo das Leben gerettet wurde, sich nicht rühmen darf, daran grossen Antheil zu haben; so ist es auch in der Cholera. Das Organmittel, welches die Krankheit heilt, ist noch nicht gefunden — all unser Bemühen also nur ohnmächtiges Bestreben auf weiten und oft gewiss ganz falschen Umwegen zum Ziel zu gelangen. In fast allen hef- tigeren Erkrankungen muss also der Tod erfolgen. Geschieht dies in einzelnen, scheinbar verzweifelten Fällen nicht, so finden wir hierin nur 1) Krüger-Hansen, Homöopathie und Allopathie auf der Wage, 2. Ausgabe p. 212,](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b33290106_0068.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)