Die Volksmedizin : ihre geschichtliche Entwickelung und ihre Beziehungen zur Kultur / von Hugo Magnus.
- Hugo Magnus
- Date:
- 1905
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Credit: Die Volksmedizin : ihre geschichtliche Entwickelung und ihre Beziehungen zur Kultur / von Hugo Magnus. Source: Wellcome Collection.
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![abnehmendem Mond begonnen werden, so also z. B. Behandlung des Kropfes, der geschwollenen Drüsen, der krankhaften Geschwülste ]) Aber auch die gewöhnlichsten Prozeduren, welche nur der Pflege des Körpers, nicht aber der Vornahme irgend einer Krankheits- behandlung gelten, sollten, entsprechend den genannten Vor- stellungen, nur dann von Wirksamkeit sein, wenn sie nach den Phasen des Mondes sich richteten. So läßt die Mutter aus dem Volke noch jetzt ihren Kindern die Haare nur bei zunehmendem Monde schneiden, wie sie auch die Kürzung der Nägel nur um diese Zeit gestattet. Solche Tage nun, an denen vermöge ihrer Beziehungen zu den Mondphasen die Vornahme derartiger Ver- richtungen heilsam oder schädlich sein soll, führen in der Volks- medizin auch heut noch besondere Namen; so heißt z. B. die Periode des wachsenden Mondlichtes in Oberbayern * 2) „im Wachset“, während die Zeit des schwindenden Mondlichtes „Abgäng“ ge- nannt wird. Die Tage, welche vermöge ihrer Beziehung zu den Mondphasen besondere Aussicht auf erfolgreiche Krankheitsbehand- lung, speziell auf Beseitigung der Warzen, Geschwülste, Drüsen u.s.w. gewähren, nennt das Volk „Schwendtage“, wobei ich es dahin- gestellt sein lassen will, ob der Ausdruck „Schwend“ mit dem „Schwinden“ der Krankheit in Zusammenhang stehen mag. Die Germanisten werden darüber besseren Aufschluß zu geben ver- mögen, als wir medizinischen Historiker. Auch die einzelnen Tageszeiten stehen ob ihres Lichtgehaltes noch jetzt bei dem Volke in einer sehr verschiedenen thera- peutischen Wertschätzung. Vornehmlich sind es die Stunden vor dem Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, welche auf die Vornahme und Durchführung der mannigfachsten volkstümlichen Heilgebräuche den wesentlichsten Einfluß ausüben sollen. So dürfen gewisse sympathetische Kuren unbedingt nur vor dem Auf- gehen der Sonne zur Anwendung gebracht werden, sollen sie überhaupt wirksam werden, während andere wieder einen Erfolg nur dann in Aussicht stellen, sobald sie nach Sonnenuntergang unter- nommen werden. Es gilt also hier die nämliche Volksaufifassung, 1) Fossel. Volksmedizin und medizinischer Aberglaube in Steiermarck. 2. Auflage. Graz 1886. Seite 26. 2) Höfler, Volksmedizin und Aberglauben in Oberbayerns Gegenwart und Vergangenheit. Neue Ausgabe. München 1893. Seite 76.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b22400680_0074.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


