Neuritis und Polyneuritis / von Ernst Remak ; anatomischer und pathologisch-antomischer Theil bearbeitet von Edward Flatau.
- Remak, Ernst (Ernst Julius), 1848-1911.
- Date:
- 1900
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Credit: Neuritis und Polyneuritis / von Ernst Remak ; anatomischer und pathologisch-antomischer Theil bearbeitet von Edward Flatau. Source: Wellcome Collection.
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![von Erb 1874 für die von ihm beschriebenen und nach ihm benannten Armplexuslähmungen angenommen, soweit sie nicht traumatisch sind. Auch Bernhardt hat in der ausführlichen Bearbeitung der peripherischen Lähmungen in diesem Handbuch ihre häufige neuritische Pathogenese hervorgehoben. Wie ist es nun zu erklären, dass bei dem Auftreten schlaffer dege- nerativer Lähmung nicht in einem einzelnen Nerven, sondern genau mit denselben elektrodiagnostischen Zeichen in mehreren Nervengebieten, sei es eines Gliedabschnittes oder einer ganzen Extremität oder auch mehrerer Extremitäten, erst zwei Decennien nach der Aufstellung der neuritischen Lähmungen die Annahme einer mehrfachen neuritischen Erkrankung peri- pherischer Nerven plausibel erschien? Diese Verzögerung der Erkenntniss wurde durch den Mitte der Sechzigerjahre einsetzenden, auf der Verbesse- rung der anatomischen üntersuchungsmethoden fussenden Aufschwung der Rückenmarkspathologie verschuldet. Man knüpfte an die früher so- genannte essentielle, von v. Heine schon 18G0 als spinale bezeichnete atrophische Kinderlähmung an. Duchenne hatte 1855 gezeigt, dass in den definitiv gelähmten Muskeln Verlust der Erregbarkeit für den indu- cirten Strom eintritt. Diese p]rfahruug wurde 1868 von Salomon dahin ergänzt, dass in denselben Muskeln auch galvanomusculäre Entartungs- reaction nachweisbar ist. Während so eine grosse klinische üeberein- stimmung mit peripherischen Paralysen sich herausstellte, wurde in zur Obduction gelangten, meist veralteten Fällen von Prevost und Vulpian (1866), Lockhart Clarke (1867), Charcot und Joffroy (1870) in den- jenigen Abschnitten des Rückenmarkes, von denen die Vorderwurzeln und Nerven der gelähmten Gliedmassen ausgingen, Atrophie der grauen Vorder- hörner gefunden, durch welche die in ihnen enthaltenen multipolaren Ganglienzellen zerstört waren. Auf diesen Befunden und dem Nachweis der Atrophie derselben Ganglienzellen bei der progressiven Muskelatrophie wurde die Lehre von der Poliomyelitis anterior begründet (der Name wurde 1874 von Kussmaul empfohlen). Man machte die Voraussetzung, dass durch acute oder albnälige Ausschaltung der motorischen multi- polaren Ganglienzellen der grauen Vordersäule acute oder subacute Läh- mung der von dem betreffenden Spinalsegmente innervirten Muskeln ein- tritt, und weiterhin, dass die Ernährungsstörung und Atrophie der Ganglien nach dem Waller'schen Gesetze secundäre Nervendegeneration erst der Vorderwurzeln, dann der entsprechenden motorischen Nerven und von ihnen versorgten Muskeln zur Folge haben müsste. i)a bei der spinalen progressiven Muskelatrophie und progressiven Bulbärparalyse bei Lebzeiten die Motilität der abgemagerten Muskeln, sowie die elektrische Nerven- erregbarkeit bestehen bleibt, und anatomisch die Degeneration der peri- pherischen Nerven vermisst wird, so kam man mit dieser Hypothese nicht](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21294641_0029.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)