Monographie nebst wissenschaftlichen und biographischen Beiträgen : den Mitgliedern des ersten europäischen Blinden-Lehrer-Congress-es gewidmet.
- Blinden-Institut auf der Hohen Warte bei Wien.
- Date:
- 1873
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Credit: Monographie nebst wissenschaftlichen und biographischen Beiträgen : den Mitgliedern des ersten europäischen Blinden-Lehrer-Congress-es gewidmet. Source: Wellcome Collection.
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![wenn man mit Bestimmtheit behaupten könnte, dass dieses Experiment nicht blos von ihm erfunden, sondern auch ausgeführt worden sei, wofür sich freilich kein Beweis aus dem Talmud erbringen lässt:]2. Auch geschieht nirgends besonderer mechanischer Fertigkeit von Blinden Erwähnung. Die gewöhnliche mechanische Beschäftigung der armen Blinden war das Drehen der Handmühle, wozu auch Simson ver- wendet wurde 33, und weshalb der für diese Arbeit entfallende Taglohn bei Festsetzung der Entschädigungssumme für das Zeitversäumniss eines Blinden als Maassstab zu Grunde gelegt wurde. Uebrigens unterzogen sich auch wohlhabende Blinde bei kühler Witterung dieser Arbeit, da eine andere Art mechanischer Erwärmung, wie z. B. durch rasches Auf- und Abgehen, dem Blinden nicht leicht möglich ist. Dies wird auch von B. Josseph berichtet, während R. Schescheth den gleichen Zweck durch Heben schwerer Balken zu erreichen suchte 34. Ausserdem hat unser K. Josseph seinen Weingarten so vorzüglich zu pflegen verstanden, dass der daraus gewonnene Wein doppelt so viel Wasser zur Mischung bedurfte, als der gewöhnliche 35. Auf dem Gebiete des Wissens und der Gelehrsamkeit begegnen wir dem Blinden nicht selten. So findet sich, dass gelehrte Blinde als Hauslehrer beschäftigt waren36. Auch waren sie in der unter dem Na- men Schone-halachoth, Sadran oder Thana vorkommenden, wenn man so sagen darf, Gelehrtenclasse vertreten. Diese Sadranim wurden von den Gelehrten als lebendige Bibliotheken verwendet, und hatten daher auch den Spottnamen Bücherkörbe, weil sie ihre ohne kritische Prüfung und Sichtung gesammelten Wissensschätze gelegentlich den Gelehrten auskramten. Da nun ein umfassendes und getreues Gedächtniss die erste Bedingung für eine derartige Thätigkeit sein musste, so wurden auch Blinde dazu verwendet37. Von bedeutenden blinden Gelehrten finden wir die schon mehrfach erwähnten R. Schescheth und R. Josseph. Ersterer hielt sich selbst einen Sadran und wiederholte alle dreissig Tage den während dieser Zeit ge- sammelten Wissensstoif. Nach geschehener Wiederholung pflegte er sich dann auf dem an seiner Thüre angebrachten Querholze , das als Riegel diente, hin und her zu wiegen und dabei auszurufen: „Ach, wie glücklich ist meine Seele, dass ich so viel für sie erlernt habe. Ueber- dies ging seine Wissbegierde so weit, dass er sich keine Gelegenheit entgehen liess, von irgend einem Gelehrten sich über dessen Traditionen Belehrung zu holen, und dieselbe seinem Gedächtnisse einzuprägen 38. Vergleicht man die Natur seines Wissens mit dem seiner Zeitgenossen, insbesondere seines Collegen R. Chisda, so ergiebt sich, dass er vor denselben, eben in Folge seiner Blindheit einen gewissen Vorzug hatte. Während nämlich seine Zeitgenossen bei geringer Quellenkunde durch eine immense Corabinationsgabe und eine scharfe Dialektik, mit einem](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21069797_0117.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


