Das Pañcatantram (textus ornatior) : eine altindische Märchensammlung / zum ersten male ubersetzt von R. Schmidt.
- Date:
- 1901
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Credit: Das Pañcatantram (textus ornatior) : eine altindische Märchensammlung / zum ersten male ubersetzt von R. Schmidt. Source: Wellcome Collection.
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![hier her, um diese zu rauben, aber auch er kann sie nicht ent- führen. Darum will ich einstweilen die Gestalt eines Pferdes annehmen, mich unter die Pferde stellen und zusehn, wie Jener ausschaut und was er für Kraft besitzt.“ Nachdem dies geschehen war, drang zur Nachtzeit ein Pferdedieb in das Haus des Königs ein; und nachdem er alle Pferde gemustert und gesehen hatte, dass das Räksasa-Pferd das schönste sei, legte er ihm einen Zaum in den Mund und bestieg es. In diesem Augenblicke dachte der Räksasa: „Sicherlich ist das der mit Namen Vikäla, der mich für böse hält und gekommen ist, mich zu tödten. Was soll ich da thun?“ Während er noch so überlegte, gab ihm der Pferde- dieb einen Peitschenhieb: da begann er, vor Furcht zitternd davon zu laufen. Der Dieb wollte ihn, nachdem er weit ge- kommen war, durch Anziehen des Zügels zum Stehen bringen: denn wenn er ein Pferd ist, achtet er auf den Zügel. Aber er ]ief nur schneller und immer schneller. Da der Dieb nun sah, dass er das Anziehen des Zügels nicht beachtete, überlegte er: „Ach, so sind doch die Rosse nicht! Darum muss das gewiss ein Räksasa in Pferdegestalt sein. Deshalb werde ich mich, so bald ich eine sandige Stelle sehe, dort hinwerfen; auf andere Weise bleibt mir das Leben nicht erhalten.“ Indem der Pferdedieb so überlegte und seiner Schutzgottheit gedachte, kam der Räksasa in Pferdegestalt unter einen Feigenbaum, wobei der Dieb einen Zweig desselben ergriff und daran hängen blieb. Darauf waren Beide, da sie wieder getrennt waren und wieder Hoffnung hatten, am Leben zu bleiben, von der höchsten Wonne erfüllt. Nun war dort auf dem Feigenbäume ein Affe, der mit dem Räksasa befreundet war. Als dieser den Räksasa fliehen sah, sprach er: „He, was fliehst du so aus eitler Furcht? Dieser Mensch ist ja deine Nahrung: darum verzehre ihn.“ Als er dessen Wort ver- nommen hatte, nahm er seine Gestalt an und kehrte ängstlich und schwankenden Schrittes zurück. Da nun der Dieb merkte, dass der Affe ihn zurückgerufen hatte, nahm er im Zorne den herabhängenden Schwanz des über ihm sitzenden Affen in den Mund und begann heftig darauf zu beissen. Der Affe, welcher meinte, dieser sei noch stärker als der Räksasa, sagte aus Furcht kein Wort, sondern sass da, indem er von Schmerz gepeinigt die Augen zudrückte und mit den Zähnen knirschte. Da sagte](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24992033_0332.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)