Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft / von H. Steinthal.
- Heymann Steinthal
- Date:
- 1881
Licence: Public Domain Mark
Credit: Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft / von H. Steinthal. Source: Wellcome Collection.
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No text description is available for this image![Man darf nicht meinen, die Dinge und die räumlichen Verhält- nisse der Dinge, ihre Formen, ihre Stellung neben, über, unter einander, ihre Entfernungen, träten als Bilder fertig in unser Bewusstsein, wie sie in einen Spiegel fallen. Das Bewusstsein ist absolut verschieden vom Spiegel und mit diesem kaum ver- gleichbar. Das Bewusstsein nimmt keinen äußern Beiz auf, ohne ihn zu gestalten nach eigenem Maße. Gilt dies schon von dem elementaren Beiz, so muss man, diese Gestaltungskraft in noch höherem Grade anerkennend, sagen, dass das Bild eines Dinges vom Bewusstsein in voller Selbsttätigkeit aus den pri- mären Empfindungen erst zusammengesetzt wird. Freilich ver- fährt es bei dieser Zusammensetzung ebenfalls nicht frei und nicht bloß aus sich, nicht bloß apriorisch, sondern unter Einfluss und nach Maßgabe des Äußern, also aposteriorisch; aber dieser Einfluss, diese Abhängigkeit des Bewusstseins von den realen Bestimmtheiten, hebt seine Tätigkeit nicht auf. Wir wissen von Seiendem, Wirklichem, Objectivem nur insofern und wie unser Bewusstsein solches schafft. Nicht nur das, was wir als Qua- litäten der Materie erkennen, sind Bestimmungen unserer Sinnes- organe; sondern auch alle räumlichen Formen oder die Eigen- schaft der Dinge, räumlich ausgedehnt zu sein, räumliche Formen zu haben, ist durchaus ein Erzeugniss unseres Bewusstseins, also apriorisch, obwohl nicht nur notwendig, unausweichlich, sondern auch durchaus nach Maßgabe realer, objectiver, also aposteriorischer Bestimmtheiten. Das alles setzt die neuere Physiologie außer allem Zweifel. Der Mensch sieht nicht von Natur, sondern von Geist, d. h. er lernt allmählich sehen, er lernt Bewegungen, Entfernungen, Formen kennen. Lernen aber ist nicht ein unmittelbares Auffassen, sondern ein Aneignen durch mehrfache Vermittlung, durch Combinirung. Verschieden- heit der Eindrücke auf die Netzhaut des Auges, Bewegungen des Auges, der Hand, des Leibes werden zusammengefasst zur Bildung räumlicher Warnehmungen. Nur solche] Empfindungen empfangen wir von außenf sie sind das Aposteriorische im eigentlichen Sinne. Ihre Combinirung und Deutung oder Ver- setzung in die Außenwelt, also die Bildung von Gegenständen aus den Empfindungen ist apriorisch, d. h. Tat des Bewusst- seins, und zwar schon eine sehr verwickelte, eine vielfach von apriorischer und aposteriorischer Bewegung zusammengeflochtene.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28047503_0042.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)