Vergleichung des Entwicklungsgrades der Organe zu verschiedenen Entwicklungszeiten bei Wirbeltieren / von Albert Oppel.
- Date:
- 1891
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Credit: Vergleichung des Entwicklungsgrades der Organe zu verschiedenen Entwicklungszeiten bei Wirbeltieren / von Albert Oppel. Source: Wellcome Collection.
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![Die Aiimiliine, dals die Vererbimg der ererbten Eigeiiscliaften eine unvollständige sei, verstehe ich in folgendem Sinne. Ich gehe aus von der für meine Untersuchungen nur in Betracht kommenden geschlechtlichen Fortpflanzung. Eigenschaften, ^Yelche ein Individuum besitzt, treten unter Umständen bei dessen Descendenten nicht mehr in die Erscheinung. Dies ist eine bekannte Thatsache. Man kann sich vom Zustandekommen dieses Umstandes zwei Vorstellungen machen. Entweder wurden diese Eigenschaften nicht vererbt, dann wäre die Vererbung eine unvollständige. Nach Ansicht anderer Autoren kann jedoch die Möglichkeit, dafs diese Eigenschaften zur Ausbildung gelangen könnten, immerhin in latenter Form vorhanden sein. p]s würde dann Sperma und Ei sich zur Schaffung eines Individuums vereinigen mit voller Vererbung aller Eigenschaften, und erst nachher in der weiteren Entwicklung würde durch die ein- wirkenden Umstände das Latentwerden eifolgen. Verfolgt man aber die Sache weiter, so zeigt sich, dafs unter Umständen die Latenz schliefslich eine dauernde wird. Die Bedingungen und der Zeitpunkt des Dauernd- werdens der Latenz sind noch sehr wenig erforscht, von einigen Unter- suchern wird das Dauerndwerden ganz in Abrede gestellt. Die Vorsicht, mit welcher man neuerdings die Fälle, welche bisher unter dem Namen Atavismus zusammengewoi’fen wurden, zu sichten bemüht ist, verspricht jedoch, auch in diese Frage Licht zu bringen. Man könnte, um einen Schritt weiter zu kommen, zunächst versuchen, neben dem Dauerndwerden der Latenz ein zweites iNIoment ins Auge zu fassen. Ich meine folgendes: Ich setze den Fall, bei einer Art sei unter veränderten Lebensbedingungen eine Eigenschaft, z. B. die Ausbildung eines Organes, latent geworden. Werden nun die früheren Lebensbedingungen wieder hergestellt, so ist die Möglichkeit vorhanden, dafs das latent vorhandene Organ sich wieder ausbildet. Eine zweite ^Möglichkeit ist, dafs die Latenz schon eine so hochgradige geworden ist, dafs die Art in der Weise variiert, dafs es nicht zur Ausbildung des latenten homologen Organs, sondern etwa zur Erwerbung eines analogen gleichfunktionierenden Organes kommt. Die. Bedingungen für einen solchen Vorgang könnte man bezeichnen als Präponderanz der Neuerwerbung über die Ausbildung eines in Latenz vorhandenen Organes. Dieser Fall scheint mir von Bedeutung, wenn auch weniger für die Theorie, so doch für die Praxis der unvollständigen Vererbung. Geht man von diesem Gesichtspunkt aus, so kann man von einer unvollständigen Vererbung auch dann sprechen, wenn noch nicht dauernde Latenz vorhanden ist. Es würden dann, ehe es zur Bildung des Individuums aus Ei und Sperma kommt, schon vorher in den beiden letzten die Vorbedingungen für die Möglichkeit einer solchen Präponderanz gegeben sein. Ich verhehle es mir nicht, dafs die Frage noch keine gelöste ist; es bestehen noch mancherlei Einwände. Es könnte z. B. gesagt werden, es sei möglich, dafs unter bestimmten Umständen irgend eine Neuerwerbung die Präi)onderanz des betreffenden analogen Organs bedinge und dafs bei einem Wegfall (etwa durch Latentwerden) der ersteren das ursprüngliche latente Organ wieder die Präponderanz ge- winnen könnte. Doch sehe ich in der Präponderanz keinen festen Zu- stand, sondern nur eine Stufe auf dem Wege von der Latenz zur dauernden Latenz. Einige Forscher äufsern sich jetzt in dem Sinne: es könne eine erstaunlich lange Reihe von Generationen verfliefsen, ehe diese latente Vererbungskraft erlischt. Dies läfst annehmen, dafs den- selben das Dauerndwerden der Latenz gleichfalls möglich erscheint. Giebt man aber das zu, so ist eben im Moment des Dauerndwerdens der Latenz 1*](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21994705_0009.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)