Philipp Stöhr's Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen : mit Einschluss der mikroskopischen Technik / von Wilhelm von Möllendorff.
- Philipp Stöhr
- Date:
- 1928
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Credit: Philipp Stöhr's Lehrbuch der Histologie und der mikroskopischen Anatomie des Menschen : mit Einschluss der mikroskopischen Technik / von Wilhelm von Möllendorff. Source: Wellcome Collection.
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![voneinander vollständig getrennte oder gar funktionell voneinander unabhängige Gebilde sind. Es gehört vielmehr zur Bildung eines Ge¬ webes, wie wir heute wissen, gerade der Zusammenhang der Zellen unter¬ einander, der nur in bestimmten Fällen verloren geht. Oft wird als die hauptsächliche Bedingung für den Zusammenhalt der Zellen zu Geweben die Ausbildung von ,,Kittsubstanzen“, also Interzellularsubstanzen, betrachtet. Das ist aber offenbar gerade bei denjenigen Geweben, bei denen Zellen sehr dicht aneinandergeschlossen sind, nicht der Fall. Hier, bei den Epithelien, werden die Zellen durch feine Fortsätze aneinandergehalten, während wir die vermeintliche Kittsubstanz als Spalten auffassen, in denen sich der zur Ernährung der Zellen not¬ wendige Gewebssaft bewegt. Anders liegen in dieser Hinsicht die Dinge bei den sogenannten Stützgeweben, wo Interzellularsubstanzen in verschiedenem Grade für die Konsistenz des ganzen Gewebes charakteristisch sind. Auch hier ist aber die Interzellularsubstanz nicht ein die zugehörigen Zellen verbindender Kitt, sondern, zum Teil völlig unabhängig von den Zellen, eine für den Gesamtorganismus wichtige neue Bildung. Demgemäß legen wir auf die zytoplasmatischen Zusammenhänge zwischen den Zellen großen Wert, zumal wir von allen Geweben als x\usgangszustand den Zellen verband kennen. Dieser Zusammen¬ hang ist von der ersten Entwicklung aus der Eizelle her ableitbar; dabei können im einzelnen die größten Unterschiede im Aussehen eines Zell¬ verbandes Vorkommen. Bleibt nach einer Kernteilung die Zytoplasma¬ teilung aus, so entstehen große, vielkernige Zytoplasmagebilde (Plasmo¬ dium, z. B. quergestreifte Muskelfasern); findet eine Zytoplasmateilung statt, bleibt sie jedoch unvollständig, so daß es zur Bildung von kürzeren oder längeren Verbindungsfäden kommt, so haben wir den häufigsten Fall eines Zellverbandes. Um den Formverschiedenheiten der Gewebe gerecht zu werden, könnte man die Weite der die Zellverbände durchsetzenden Saftspalten zu einer Untereinteilung verwenden und unterscheiden: 1. Spaltenlose Zellverbände (Skelettmuskelfasern), 2. feinspaltige Zellverbände (Epithel), 3. weitmaschige Zellverbände (Stützgewebe, Glia, Nervengewebe [ ? ]). Der Gegensatz zu dem Begriff Zellverband ist die freie Zelle, die nach unserer Auffassung im Metazoenkörper ein sekundär erworbener Zustand ist. Freie Zellen haben die Fähigkeit, sich in den flüssigen Gewebesäften fortzubewegen. Am deutlichsten sind sie im Blute aus¬ gebildet. Alle freien Zellen haben sich sekundär aus Zellverbänden losgelöst oder sind durch Teilung aus vorher vom Zellverband abgelösten Zellen entstanden. Eine Loslösung einzelner Zellen kommt unter besonderen Beizen auch dann vor, wenn wir im Normalszustand eines Gewebes nur den Zellenverband finden. Solche Vorgänge kennen wir z. B. vom Stützgewebe und der Glia im Nervensystem. Auch die Abstoßung verbrauchter Epithelzellen, die dann durch neue ersetzt werden, gehört hierher. Freie Zellen können nach ihrer Loslösung entweder noch wichtige Aufgaben erfüllen, wie wir das besonders vom Blute her kennen, oder sie gehen rasch nach ihrer Ablösung aus dem Verbände zugrunde. Vom Bindegewebe wissen wir, daß aus dem Verbände herausgelöste und zu Rundzellen gewordene Bestandteile unter bestimmten Umständen wieder in den Zellenverband aufgenommen werden können. 1) Die in dieser Auflage verwandte Namengebung weicht von derjenigen in den vorigen Auflagen ab und entspricht der für das „Handbuch der mikroskopischen Anatomie“ festgelegten Bezeichnungsweise. 2*](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b31363532_0035.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)