Grundzüge der theoretischen Chemie / von Lothar Meyer. Mit zwei lithographirten Tafeln.
- Lothar Meyer
- Date:
- 1890
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Credit: Grundzüge der theoretischen Chemie / von Lothar Meyer. Mit zwei lithographirten Tafeln. Source: Wellcome Collection.
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![eben«, »Massentheilchen« oder auch «die Molekel« gebrau- chen. Der leider in Aufnahme gekommene Ausdruck »das Mo- lekül« ist allen sprachlichen Gesetzen zuwider aus dem fran- zösischen «la molecule« gebildet. Die Annahme Avogadro’s war eine Hypothese, und zwar nicht die einzig mögliche, jedoch die bei Weitem wahrschein- lichste. Gleichwohl fand sie lange Zeit nicht die ihr gebührende Anerkennung, so dass die Schulmeinungen der Chemiker vielfach im schroffen Gegensätze zu ihr verblieben. So hat z. B. ein halbes Jahrhundert lang kaum Jemand daran Anstoss genommen, | dass zahlreiche Chemiker fortdauernd der Dalton-Gmelin’schen Ansicht huldigten, das Wasser enthalte auf ein Atom Sauerstoff auch nur ein Atom Wasserstoff, obschon aus dieser Annahme | mit Nothwendigkeit folgt, dass 1 Maass Sauerstoff genau doppelt , so viele Atome enthalte wTie ein gleiches Maass Wasserstoff'; denn wenn in jedes Wassertheilchen ebenso viele Atome des einen wie des anderen Bestandtheiles eingehen, so müssen in dem | einen Raumtheile Sauerstoff genau so viele Atome enthalten I sein, wie in den zwei Raumtheilen Wasserstoff, mit welchen jener zu Wasser verbrennt. Dass die Hypothese Avogadro’s so wenig Beachtung fand,] rührte hauptsächlich daher, dass in jener Zeit nicht das Bedürfnis] empfunden wurde, sie ausser auf die Elementarstoffe auch auf deren Verbindungen, wie Avogadro gethan, anzuwenden. 1 Man kannte damals nur wenige gasförmige Verbindungen und legte keinen besonderen Werth darauf, ob ihre chemischen For- meln so oder anders geschrieben wurden. Erst um die Mitte unseres Jahrhunderts machte sich das Bedürfnis geltend, diel zahlreichen neu entdeckten Verbindungen des Kohlenstoffes, die | sogenannten organischen Verbindungen, systematisch zu ordnen,] und dazu erschien die halbverschollene Hypothese Avogadro’s] vorzüglich geeignet. Ihre Anwendung geschah jedoch zunächst j nur in beschränkter Weise, bis C. Gerhardt sie ganz conse-1 quent durchführte, jedoch lediglich zum Zwecke der Classification j j der chemischen Verbindungen. § 20. Physikalische Begründung der Hypothese Avo- gadro's. Kinetische Gastheorie. Schon Avogadro selbst hatte darauf hingewiesen, dass die ausserordentliche Gleich- j artigkeit im physikalischen Verhalten verschiedener Gase, insbe-, j sondere die allen gemeinsame gesetzmässige Abhängigkeit ihrer 1 Raumerfüllung und Dichtigkeit von Druck und Temperatur, wie] sie das Gesetz von Bovle oder Mario tte und das von Gay-1 Lussac darstellen, kaum eine andere Annahme zuzulassen 1 schienen, als die, dass alle in gleichen Räumen bei gleichem 1 Druck und gleicher Temperatur eine gleiche Anzahl von Theil- fl eben enthielten. Denn wollte man z. B. annehmen, das eine I enthielte die doppelte oder dreifache Zahl wie ein anderes, so*](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28060350_0048.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)