Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm.
- Henry Maudsley
- Date:
- 1870
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Credit: Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm. Source: Wellcome Collection.
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![eine durch einen Rückenmarksnerven erregte Reflexaktion von unten nach oben gegen die MediiUa oblongata hin fortgeleitet wird. In den Ganglienzellen des Sensoriuni commune angelangt, kann der Reiz durch die motorischen Kerne sofort auf einen mo- torischenNerven übertragen werden, wozu durch direkte physi- kalische Leitungen Vorkehrung getroffen ist, und so können auf eine Sinnesempfindung unwillkürliche Bewegungen erfol- gen, gerade wie das von den spinalen Centren aus ohne alle Sinnesempfindungen geschieht. Die Ganglienzellen der Sinnescentren sind ohne Zweifel Centraiorgane mit ganz unab- hängiger Reaktionsfähigkeit und bilden in Verbindung mit ihren eigenen motorischen Kernen Heerde für ihre eigene Reflexbe- wegung, Bei einem Menschen , dessen untere Körperhälfte durch Verletzung oder Krankheit des Rückenmarks gelähmt ist, kann man durch Kitzeln der Planta pedis zuweilen unbewusste Reflexbewegungen erzeugen. Bei einem Menschen, der nicht ge- lähmt ist sondern ein vollkommen gesundes Rückenmark besitzt, wird die plötzliche Berührung der Fusssohle mit einem heissen Eisen ebenfalls sofort eine Bewegung hervorrufen, die ebenso unwillkürlich ist, als die im vorhergehenden Falle bei gelähmten Extremitäten, aber sie folgt in diesem Falle auf ein Schmerzens- gefühl hin , die Reaktion erfolgt in den sensoriellen Ganglien— sie ist also eine sensu-molorische. Hätte mtin das clühende Eisen auf einen gelähmten Fuss applicirt, so würde keine Bewegung erfolgt sein, weil der Leitungsweg für den Reiz unterbrochen ist, eben- so, wie die Leitung für den elektrischen Strom vollkommen unter- brochen ist, wenn dieTelegra])hen-Drähte entzwei gerissen sind. Ein Thier, bei dem wir die oberhalb der sensoriellen Ganglien gelegenen Hirntheile abgetragen haben, ist noch solcher sensu-motorischer Be- wegungen fähig, wie es auch Thiere sind, die gar keine grossen Hemisphären besitzen, — weil eben die in den Sinnesganglien ge- legenen Zellen Centren sind, die eine ganz unabhängige Reaktions- fähigkeit besitzen , wie Stationen an einer Telegraphenlinie , von welchen sowohl Anfragen als Antworten ausgehen können. *) (') Durchtrennen wir die Centraiorgane des Nervensystems einer Ratte vollständig dicht oberhalb der Medulla oblongata und knei- pen dann den Fuss derselben heftig, so wird sie einen kurzen, schrillen Schmerzensschrei von sich geben, welcher als reflektorisch oder sensu-motorisch aufzufassen ist. Zerstören wir nun die Me- Mr. James Mi 11 hat diese Bewegungsart genau und klar erkannt. Er sagt: „Unzählige Thatsaclien können wir als Beweise dafür aufführen, dass Sinnes- empfindungen Ursache von Muskelbewegungen sind. pag. 258. — Nachdem er als Beispiele hiefür das Niessen, Husten, die Contraktionen, der Pupille und die Beweg- ungen der Aufienlider angeführt hat, fahrt er fort: „Es scheint mir aber, dass wir zu der Annahme berechtigt sind, dass die Sinnesempfindungen die seelische Ursache eines grossen Theils der Bewegungen unseres Körpers sind, und dass unter den auf solchem Wege zu Stande gekommenen Bewegungen gerade solche zu finden sind, die von der grössten Wichtigkeit für den Körper sind. Analysis of the mind. pg. 265.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21292498_0110.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


