Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm.
- Henry Maudsley
- Date:
- 1870
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Credit: Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm. Source: Wellcome Collection.
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![Wahrnehmung entspricht und wohl geeignet, uns einen Begrifl' davon zu verschalien was man beim Thiere als Instinkt zu be- trachten hat. *) Die Fähigkeiten des Rückenmarks sind, wie wir schon oben erwähnten, zum grüssten Theil nicht angeborene sondern durch Erziehung erworbene. Dasselbe gilt auch von den Sinnescentren. Sinnesempfindung ist nicht, wie es dem gewöhnlichen Sprachge- brauch nach scheinen möchte, eine gewisse angeborene Fähigkeit, eine gewisse constante Grösse, sondern nur eine allgemeine Be- zeichnung für eine Menge besonderer Erscheinungen, die sowohl bezüglich ihrer Quantität als Qualität die grössten Verschieden- heiten darbieten. Die Em])tindungsfähigkeit eines jeden Sinnes ist ein ganz allmälig organisirtes nur durch Erfahrung zur Reife gekommenes Resultat oder A^ermögen. Die Gesichtscmplindung eines Erwachsenen und die eines neugeborenen Kindes, das eben die Augen geöffnet hat, sind grundverschiedene Dinge. Ein von Mr. Nunnelev operirter Kranker, der durch diese Operation wieder sehend geworden war, hielt die Hände vor's Gesicht um zu verhindern, dass die Gegenstände seine Augen berührten. Der Geschmackssinn eines Weinkenners ist nicht vergleichbar mit dem eines Menschen, der gar nichts von den Weinen versteht, der Tastsinn eines Blinden ist toto coelo von dem eines Menschen ver- schieden, der stets im vollen Besitze seines Augenlichtes war. Die Fähigkeit, die ein Sinn auf der Höhe seiner Entvvicklung besitzt, baut sich in den betreffenden nervösen Centraiorganen langsam aus den Residuis oder Spuren auf, welche vorausgegangene gleichartige Sinnesempfindungen in demselben zurückgelassen haben , und ein wohl ausgebildeter Sinn fasst, so zu sagen, tausend Erfahrungen zusammen, — wie oft ein einziges Wort'die Summe der Errungen- schaften von ganzen Generationen in sich fasst. **) So einfach daher auch der Vorgang bei einer Sinnesempfin- dung erscheinen mag, so ist er doch^in der That unendlich com- plicirt. C) Wir sehen, hören oder empfinden mit unseren Sinnen nicht den Eindruck , den das Organ von aussen empfängt, son- dern den Effekt, der durch diesen Eindruck im Nervencentrum *) Sehr zu empfehlen für eine genaue Kenntniss und Diskussion der Theorieen der Gesichtsempfindung ist. „Theorie des Sehens und räumlichen Vor- stellens vom physiologischen und psychologischen Standpunkt aus betrachtet,^' von S. 0. Cornelius, Halle KSfii ; und von demselben Ver- fasser : „Zur Theorie des Sehens mit Rücksicht auf die neuestenAr- beiten in diesem Gebiete.''' 18C4. In Bezug auf diese Frage ist ein von Fick angeführtes Experiment von Volk mann interessant. Wird an einem Finger oder irgend einer umschriebenen Hautstelle mit dem Tasterzirkel experimentirt, um den Grad der Sensibilität zu be- bestimmen, so wird dadurch, wie bekannt, die Feinheit des Tastsinns der betref- fenden Stelle im Vergleich zu den benachbarten Hautstellen erhöht, doch findet man dann ausserdem noch die Sensibilität der symmetrischen Hautstelle auf der ent- gegengesetzten Körperhälfte in gleichem Masse erhöht — ein Experiment, das den- selben Beweis liefert, wie das Stereoskop.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21292498_0112.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


