Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm.
- Henry Maudsley
- Date:
- 1870
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Credit: Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm. Source: Wellcome Collection.
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![- 1C4 - sehe Kraft latent, stetig, und gleichsam abstrakt vorhanden ist. Der von oben kommende Reiz stört das organische Gleichgewicht in ihnen und macht die Bewegung frei, oder mit anderen Wor- ten, er löst sie und zugleich mit den Bewegungen auch die ihnen innewohnende Planmässigkeit aus. Es wird hier mit denselben Mitteln dasselbe erreicht, wie wenn durch einen von den zufüh- renden Nerven geleiteten Eindruck eine Bewegung ausgelöst wird. So ist also der Willen bezüglich seiner Realisation nach aussen vollständig abhängig von diesem Mechanismus der automatischen Bewegungen , welche ihre Organisation allmälig in den ihm sub- ordinirten Centren erlangen, und er ist nicht im Stande, plötzlich eine neue Bewegung mit Erl'olg durchzusetzen, so wenig er irgend eine Bewegung ohne eine leitende Sinnesemptindung ausführen kann: die Ausbildung der Sinne und die specielle Anpassung ihrer reaktiven Thätigkeit an die Aussenwelt sind nothwendige Vor- läufer und wesentliche P^rfordernisse für die richtige Entwicklung und Aeusserung des Willens. Das Sensorium commune enthält demnach in der That verschiedene, unabhängige Nervencentren, und stellt keineswegs blos einen einfachen Leitapparat her, der den Reiz und zwar den von aussen kommenden, aufsteigenden ebensowenig, als den von den Hemisphären kommenden , abstei- genden unverändert auf andere Bahnen überträgt. Fassen wir dies gehörig ins Auge, so wird uns mancher schwierige Punkt bei dem Studium des Willens leichter verständlich werden. Es ist nicht nothwendig, hier auf das scheinbare Missver- hältniss zwischen der bei einer Bewegung verbrauchten Kraft und dem auf die Sinnesganglien erfolgten Reiz näher einzugehen. Was in dieser Beziehung von den Rückenmarkscentren gesagt wurde, gilt genau ebenso auch für die sekundärenNervencentren. Eine genauere Untersuchung über diesen Punkt würde nur dazu dienen, einen neuen Beweis für das Princip der Erhaltung der Kraft zu liefern. Wir wollen nun kurz die hauptsächlichen Momente anführen, welche eine Störung in den Sinnesganglien hervorbringen können. Sie sind in der Hauptsache ganz analog denen, die wir bei den Störungen der Rückenmarksthätigkeit aufgezählt haben. 1) Die Ganglienzellen können eine angeborene fehlerhafte Beschaffenheit, Schwäche oder Veränderlichkeit in ihrer Zusam- mensetzung besitzen. Ein solcher natürlicher Fehler beruht ge- wöhnlich auf irgend welcher liereditären Erkrankung des Nerven- systems, kann aber eben so gut in einer anderen von den vielen verborgenen Ursachen der Degeneration der nervösen Elemente begründet sein. Gesiclitshallucinationen kommen nicht eben j seUen bei Kindern im frühesten Alter vor, hau])lsächlich bei sol- i eben, die an Chorea leiden. Und in den seltenen Fällen, in denen bei Kindern das Irrsein gleich bei der Geburt eintritt, spricht es sich in heftigen, unregelmässigen sensu-motorischen Bewegungen aus und zeigt hierin eine wesentliche Aehnlichkeit mit dem bei Thicren beobachteten Irrsein. Das unnatürliche Lachen, Schreien, Beissen und Toben eines irrsinnigen Kindes weist sicherlich auf](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21292498_0122.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


