Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm.
- Henry Maudsley
- Date:
- 1870
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Credit: Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm. Source: Wellcome Collection.
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![die Natur durch den Menschen den Höhepunkt ihrer eigenen Ent- wicklung erreicht. Die Gesetzmässigkeit, die hier in der höchsten Entfaltung organischer Entwickelung sich ofVenbart, ist doch noch dasselbe Gesetz der zunehmenden Spezialisirung und Complexität, das wir durch die ganze lange Reihe der organischen Wesen hin- durch verfolgen konnten. Die organischen Vorgänge der Entwick- lung des Seelenlebens, die in den mikro3ko])isch kleinen Zellen der grauen Hindenschichten ablaufen, sind so unendlich feine, dass sie, soweit im Augenblicke unsere Hilfsmittel reichen , sicherlich für unsere Sinne undurchdringlich sind; die Geheimnisse ihrer verborgenen Thätigkeit können wir nicht enthüllen. Sie sind den Nebelliecken vergleichbar, die bis jetzt noch kein Teleskop in ihre Bestandtheile zerlegen konnte. DieGrosshirnhemisphären sind aber nicht nur dieNcrvencentren für die Vorstellungsthätigkeit, sondern auch für die Affekte und für den Willen. 'Bei fhieren, die ihrer Hemisphären beraubt sind, ist jede Spur von Spontaneität in den Bewegungen ver- schwunden, eine Thatsache, die, wie sich erwarten lässt, viel schlagender bei Experimenten an höheren Wirbelthieren als bei solchen an niederen hervortritt. Bei Fischen, z. B. bei Karpfen, lässt sich nach Entfernung der Hemisphären kaum ein Unterscbied in den Schwimmbewegungen konstatiren, doch wird ein solcher wohl bemerkbar, wenn man die Bewegungen eines solchen Thieres sorgfältig beobachtet und mit denen eines unverstümmelten Karp- fen verg^leicht. Er schwimmt, wieVulpian angibt, in einer schnurgeraden Linie vorwärts, ohne sich nach der einen oder an- deren Seite zu wenden, ausser wenn er auf ein PHnderniss stösst, und hält nicht still, bevor er vollständig ermüdet ist. Er scheint durch eine zwingende Nothwendigkeit zur Bewegung angetrieben zu werden, vielleicht durch den Heiz, den das Wasser auf seine Körperfläche ausübt. Die Erscheinungen, die bei höheren Wirbel- thieren durch Entfernung der Grosshirnhemisphären werden, wurden bereits oben beschrieben. DieAnatomen glauben bewiesen zu haben, dass dieNervenfasern, welche durch die Siedulla oblongata aus dem Rückenmark empor- steigen, nicht direkt in die graue Oberfläche der Hemisphären übero-ehen, sondern in den Ganglienzellen der Corpora striata und Thalami optici endigen, von denen dann neue Nervenfasern entsprin- oen und zu denRinclenganglien ausstrahlen und so die Verbindung zwischen den primären und sekundären Nervencentren herstellen.*) Dadurch bekommt nun ein schon aus anderen Momenten gezoge- ner Schluss auch eine genügende anatomische Begründung, dass *) Vulpian glaubt übrigens, das ein Thoil der Fasern aus den Hirnstielen direkt zu der Hemisphäre der entsprechenden Seite verläuft, und zwar entweder durch das Corp. siriatum oder neben demselben, und begründet diese Ansicht auf mehrere Fälle, in denen eine das Corp. striat. nicht mitafTicirende Verletzung der Hemisphären von einer absteigenden Atrophie von Nervenfasern gefolgt war, analog der. die auf Verletzung des Corp. striat. zu folgen pflegt.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21292498_0130.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


