Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm.
- Henry Maudsley
- Date:
- 1870
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Credit: Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm. Source: Wellcome Collection.
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![Der Hergang bei der Ideeuassociation vollzieht sich nicht nur unabhängig vom Bewusstsein, sondern diese Assimilation oder Vermischung äiinlicher, oder des Gleichartigen von verschiedenen Vorstellungen, wodurch allgemeine Vorstellungen entstehen, ge- schieht auch, ohne dass dem Bewusstsein eine Controlle darüber oder eine Kenntniss davon zukäme. Wenn von zwei Ferce])tionen das Gleichartige festgehalten, das Ungleichartige aber vernach- lässigt wird, so möchte es sclieinen, dass dies auf einer assimi- lirenden Thätigkeit der Nerven- oder Gehirnzellen beruhe, welche durch den ersten Eindruck besonders modilicirt, eine Anziehung oder Affinität für künftige gleichartige Kindrücke bekämen. Die Zelle functionirt hierbei in der Weise, dass sie das, was ihr an- gemessen ist und was sie assimiliren oder was sie gleichartig mit sich selbst nuichen kann, aufnimmt, während sie zurückweist und den übrigen Zellen zur Assimilation hintcrlässt, was sie als un- gleichartig nicht mit sich verbinden kann. Dieser organische Pro- zess vollzieht sich nun ganz analog der Function anderer Organe des Körpers, welche ganz fern ab von dem Bereiche des ßewusst- seins liegen. Wir wissen nicht, auf welche Weise sich unsere allgemeinen und abstrakten Vorstellungen bilden. Das hiezu ge- hörige xMaterial wird bewusst geliefert und dann unbewusst ver- arbeitet. So stellt die Entfaltung des Seelenlebens eine Art von Ernährung und Organisation dar; oder, wie Mi 1 ton treffend sagt, dass die Meinungen guter Menschen nur die Wahrheit in ihrem Entstehen darstellen, so können wir auch von der Bildung unserer allgemeinen und zusammengesetzten Vorstellungen sagen, dass sie uns die Seele in ihrem Entstehen zeigen. — Wenn die Gehirn- thätigkeit eines Individuums eine wohlgeordnete ist und die ge- hörige Bildung erfahren hat, erscheinen die Resultate dieser ver- borgenen Thätigkeit, indem sie plötzlich im Bewusstsein auftauchen, oft wie Intuitionen; sie sind fremd und staunenerregend, wie es oft Träume sind, auch für den Geist, welcher sie selbstthätig her- vorgebracht hat. Es war keine extravagante Phantasie, dass sie Plato als Keminiscenzen einer vorausgegangenen höheren Existenz betrachtete. Plato's Geist war ein Geist ersten Ranges, und die Resultate von dessen unbewusster Thätigkeit konnten ihm selbst, wenn sie blitzartig in seinem Bewusstsein erschienen, wohl als In- tuitionen eines besseren , weit ausserhalb des Bereichs des gegen- wärtigen gelegenen Lebens erscheinen. Doch der Hergang der unbewussten Seelenarbeit wird hinreichend durch die alltägliche Erfahrung beleuchtet. Im Traume kann Einer meisterhaft dichten oder mit grosser Beredsamkeit sprechen , der nichts dergleichen im wachenden Zustande thun kann, Schulknaben wissen, wie sehr sich während einer Nacht die Kenntniss einer Aufgabe vervoll- kommnet, die sie am vorausgehenden Abend, ehe sie zu Bette gingen, memorirt haben, grosse Schriftsteller und Künstler waren wie bekannt, oft über ihre eigenen Schöpfungen erstaunt und konn- ten nicht begreifen, wie sie solches erdenken konnten, und höchst wahrscheinlich ist es auch der unbewussten Seelenthätigkeit zuzu- M a u d s 1 e y , Physiologie u. Pathologie der Seele.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21292498_0035.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)