Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm.
- Henry Maudsley
- Date:
- 1870
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Credit: Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm. Source: Wellcome Collection.
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![der sich unterfängt, die ganze Reihe der verschiedenen seelischen Vorgänge mit dem Lichte seines eigenen Bewusstseins beleuchten zu wollen, nicht unähnlich ist einem Menschen, der das Univer- sum mit einem Talglicht beleuchten wollte. Einige Ketlcxion über die wahre Natur des Bewusstseins wird diese Ansicht in uns nur befestigen. Wer wirklich wahr- haft und consequent an einer bestimmten Vorstellung von dem, was man mit dem Worte ^Bewusstsein bezeichnet, festhält, wird finden, dass es keineswegs ein so leichtes Ding ist, als es dem herkömmlichen Wort!>ebrauch nach scheinen möchte. Die Meta- phjsiker, voll Vertrauen auf ihre vagen Begrille und nur in ihren individuellen Anschauungen bestimmt, sind keineswegs darüber unter sich einig, was sie unter dem Bewusstsein verstehen sollen, und es kommt vor, dass derselbe Metapliysiker das Wort in den verschiedenen Tlieilen seines Buches in 2 oder 3 Bedeutungen vorbringt: Sir W, Hamilton gebraucht es einmal als gleichbe- deutend mit Seele, ein anderes Mal mit Verstand und ein drittes Mal will er damit einen Zustand der Seelenthätigkeit bezeichnen. Dass so wenig Sicherheit unter den Meta])h3'sikern über Dinge herrscht, worauf die Grundvesten ihrer Philosophie beruhen, muss wohl kein kleines Misstrauen gegen sie wachrufen. Was das Bewusstsein sei, wird wohl deutlicher sich ergeben, wenn wir seine Beziehungen für sich ohne Vorurtheil in's Auge fassen. Es wird sich dann zeigen, dass es sich nicht von der Er- fahrung trennen lässt, dass es nur einen Theil des konkreten p«l4ischen Aktes darstellt, dass es nicht mehr von den einzelnen Erscheinungen aussagen und nicht wahrer und vollständiger be- obachten kann, als ein Knabe über seinen eigenen Schatten hüp- fen kann. Das Bewusstsein ist keine Fakultät und kein Bestand- theil, sondern nur eine Qualität oder eine Eigenschaft eines kon- kreten Seelenaktes, es kann in den verschiedensten Graden vor- handen sein, ebenso gut als es ganz und gar fehlen kann. Ist Bewusstsein vorhanden, so ist sicherlieh auch Seelenthätigkeit vorhanden, aber das Gegentheil trifft nicht zu, und nur bei einem gewissen Grad von Intensität der Vorstellungen tritt das Bewusst- sein auf. Was ist denn also die sogenannte Befragung des Be- wusstseins Anderes, als eine Selbstenthüllung eines besonderen Seelenaktes, dessen Charakter auch nothwendig dem Bewusstsein selbst zukommt? Das Bewusstsein kann nie einen zuverlässigen und vorurtheilsfreien Beweis liefern; denn wenn es auch die \ Existenz einer gewissen Modißkalion des Seelenzustandes beweist, so ist, wenn diese Modiiikation irgend einen krankhaften Charak- ter hat, das Bewusstsein gleichsam ex contignitate afficirt und demnach auch krank. Der Irrsinnige z. B. aj)pellirt an die Ueberzeugung in seinem eigenen Bewusstsein für die Wahrheit seiner Hallucinationen oder Illusionen und besteht darauf, dass er ebenso von ihrer Realität überzeugt sei, wie von den Gründen die irgend Einer vorbringt, der ihn seines Irrthums zu überführen' sucht. Und hat er nicht Recht von seinem Standpunkt aus? Für](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21292498_0041.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)