Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm.
- Henry Maudsley
- Date:
- 1870
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Credit: Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm. Source: Wellcome Collection.
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![deutend grösser als das Erstemal. Trotz des aufFallenden Resul- tat, das ich in diesem Fall durch das Blasenpflaster erzielte, — ein Resultat, aus dem man auf ein werthvolles, therapeutisches Mittel schliessen zu dürfen glauben könnte, — habe ich nie einen bleibenden Nutzen von der Anwendung von Blasenpflastern und Haarseilen bei Geisteskranken gesehen. Wenn überhaupt, ver- dienen sie noch am ehesten bei Melancholia cum stupore und bei Dementia acuta angewandt zu werden. Ausserdem nun hat man sorgfältig auf alle Digestions- und Sekretionsanomalien zu achten ; die Diät soll eine gut nährende sein, und in sehr chronischen Fällen sowie auch in akuten Fällen mit asthenischem Typus sind häufige und grössere Dosen guten Weines angezeigt. Es ist kaum zu bezweifeln, dass man zuweilen durch eine sehr gut nährende Diät und ergiebige Anwendung von Wein in den frühesten Stadien einen Anfall von Irrsein abwehren kann. Es ist in der That eine Wahrheit, welche die allgemeinste Beherzig- ung verdient, dass eine energische antiphlogistische Behandlung auf den Verlauf des Irrseins stets im höchsten Grade ungünstig einwirkt. Die Applikation von Blutegeln an die Schläfen und die Verordnung schmaler Diät zum Zwecke der Bekäm])fung einer maniakalischen Aufregung wird kaum eine andere Wirkung haben, als dass dadurch zugleich mit der zunehmenden Erschöpfung auch die Aufregung sich steigert; man M'ird umsonst mit den stärksten Drasticis gegen eine hartnäckige Stuhl Verstopfung ankämpfen, während Branntwein und Fleischbrühe, dadurch, dass sie die Er- schöpfung heben , auch die Aufregung mildern und ein einfaches Klystier die Thätigkeit des Darmkanals wieder in Ordnung bringt. Die aktiven Furgantia, die einst mit so viel Vorliebe angewandt wurden , hat man jetzt bei allen Formen des Irrseins vollständig verlassen. Den Stuhlgang kann man durch diätetische Mittel regeln ; und wenn es noth thut, wird eine Dose Aloe, Rhabarber, Senna oder Ricinusöl allen Anforderungen genügen; eine mässige Dose des letzteren Mittels hilft oft, wo alle anderen Drastika fehl- geschlagen haben. Die Frage, ob man einem Kranken im akuten Stadium Wein reichen solle oder nicht, muss unter genauerErwäg- ung des körperlichen Zustandes und der Aetiologie des Falles ent- chieden werden; inFällen von sthenischem Typus wird es genü- gen, geduldig zu warten, bis die Wuth des Sturmes sich gelegt hat, und dann reichlich kräftige Nahrung zuzuführen. Indem wir nun zu der rein medizinischen Behandlung des Irrseins uns wenden, wollen wir zuerst über die Wirkungen des Opium sprechen. Dieses Mittel leistet die vorzüglichsten Dienste in jenem Stadium psychischer Hyperaesthesie, das so häutig dem Ausbruch des Irrseins vorausgeht. Wenn der psychische Tonus so verändert ist, dass fasst jeder Eindruck schmerzlich empfunden wird, dann werden grössere Dosen Opium stets eine wohlthätige Wirkuno: hcrvorbrins-en. Ich habe mehrere Fälle beobachtet, wo durch eine geeignete Anwendung des Opium ein Anfall von hefti- ger Melancholie zurückgedrängt und die psychische Gesundheit](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21292498_0492.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)