Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm.
- Henry Maudsley
- Date:
- 1870
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Credit: Die Physiologie und Pathologie der Seele / von Henry Maudsley ; nach des Originals zweiter Auflage Deutsch bearbeitet von Rudolf Boehm. Source: Wellcome Collection.
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![ihrer histologischen Höhergestaltiing durch Assimilation von niede- rer organischer Materie nicht gegönnt wird, so wird sie ungeachtet der vortreft'lichsten angeerbten Constitution schliesslich eben so sicher degeneriren müssen, als ein Feuer ohne den nöthigen Brenn- stoff erlöschen muss. Eines der ersten Symptome jener Rücken- marksentartung, die zuweilen auf Masturbation oder grosse Excesse in Venere folgt, ist eine Störung der coordinirten Bewegungen der unteren Extremitäten, mit anderen Worten eine Abnahme der am geringsten orgauisirten Fähigkeit des Rückenmarks. Das Herumwerfen der Beine und die partiellen Muskelzuck- ungen, die wir hiebei beobachten, sind nicht, wie Einige unsin- niger Weise behauptet haben, Zeichen einer gesteigerten, son- dern sicherlich einer gesunkenen Vitalität. Sie sind die unzu- sammenhängenden Aeusserungen einer degenerativen Unbeständig- keit der nervösen Elemente. Ein solcher krankhafter Zustand weist nothwendig darauf hin, dass die Fähigkeit der Ganglienzellen die empfangenen Reize zu assimiliren in der Abnahme begriffen ist. Daher kommt es, dass bei der allgemeinen Paralyse, wo das Ge- dächtniss aller selbstständigen Nervencentren in der Degeneration begriffen ist, nicht blos Unfähigkeit zur Ausführung längst erlern- 1 ter und gewohnter Fertigkeiten eintritt, wie z. B. die Unfähigkeit zuNähen bei einem Schneider, den, nach der Unterhaltung mit ihm zu schliessen, jeder für ganz geschickt in seinem Handwerk halten würde, sondern dass es solchen Menschen auch vollkommen un- \ möglich ist, neue Combinationen von Bewegungen zu erlernen. Beianderen Formen der Psychose ist dies sehr oft noch möglich. Es gibt Irren, die, obwohl sie durch einen hohen Grad geisti- ger Verkommenheit für die Welt vollkommen verloren sind, durch andauernde Abrichtung auf gewisse einfache Verhältnisse nutzbar gemacht werden können, zu denen sie sich dann wie automati- sche Maschinen verhalten, ohne dass ihre Hirnhemisphären dabei thätig wären. Paralytiker, bei denen die Affektion bereits bis auf / das Rückenmark vorgeschritten ist, können nicht mehr auf solche 1 Weise verwendet werden. 3) Die Zufuhr und Beschaffenheit des Blutes sind ohne Zweifel D . von dem grössten Einfluss auf den Zustand der spinalen Ganglien- 7e]len. Ein grosser Reichthum an Blutcapillaren in der grauen r^^h^. Substanz des Rückenmarks ermöglicht eine sehr rasche Erneuer- ung des durchströmenden Blutes und damit einen lebhaften Stoff- wechsel zwischen den Ganglienzellen und der Ernährungstlüssig- keit; der durch die nervösen Funktionen bedingte enorme Stoff- verbrauch erfordert diese reichliche Zufuhr. Die bekannten Experimente von Stannius, Brown- Seq uar d und S ch iff haben gezeigt, dass durch einen plötzlichen Abschluss der Blutzufuhr die Thätigkeit des Nervensystems augen- blicklich paralysirt wird und in den Muskeln die Todenstarre ein- tritt. Wird jedoch die Blutcirkulation in einem todenstarren Menschen zur rechten Zeit wieder hergestellt, so erlangen die Muskeln so- wie die Nerven sofort ihre vitalen Eigenschaften wieder, wie dies](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21292498_0098.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


