Untersuchungen über Cretinismus in einigen Theilen Steiermarks / von B. Knapp.
- Knapp, B.
- Date:
- 1878
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Credit: Untersuchungen über Cretinismus in einigen Theilen Steiermarks / von B. Knapp. Source: Wellcome Collection.
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![Vor Allem scheint es mir in dieser Bcziehnng nothwcndig, dass mögiicbst genaue mul objective Beobaebtungen in den Cretincn-Gegendeii gemacht werden, ohne jede vorgefasste Meinung über Bodenverhältnisse, Uber Lebensweise, Nahrung, Abstammung, kurz über alle Verhältnisse, unter welchen Cretinismus vorkommt, so wie über die Erscheinungen an den Cretinen selbst. Es sollten noch viel mehr anatomische Unter- suchungen der Cretinen-Schädel und Gehirne vorgenommen werden, wie von C. Langer und Hiss (nach Schmidt’s Jahrbücher 1867) und wären gewiss die pathologischen Anatomen, namentlich Prof. Dr. Klebs in Prag, der für diesen Gegenstand so eifrige Theilnahme zeigt, gern zu diesen Untersuchungen bereit, und auch vollkommen als Fachmänner geeignet, wenn ihnen das Materiale dazu geliefert wird. Mir als einfachem Beob- achter scheint es sicher gestellt, dass nur ein Zusammenwirken von ver- schiedenen Ursachen diese in einzelnen Beispielen fürchterliche Entartung des Menschen erzeugt. Im Nachstehenden will ich eine kurze Schilderung der Nahrung, der Erziehung, wie ich selbe aus Erfahrung kenne, so wie der muthmasslichen Ursachen des Cretinismus bei den in den Tabellen aufgeführten Personen geben. In den ebenen Gemeinden des Bezirkes D.-Landsberg ist die Haupt- nahrung der ländlichen Bevölkerung Mais (hier Türken, türkischer Weizen genannt) und zwar als Mehlsuppe, als Sterz mit Milch, Wein oder wenig Fett begossen; Fleischspeisen sind seltener; nur wenn geschlachtet wird, frisches Schwein- oder Rindfleisch; manchmal, aber seltener, geselchtes Schwein- oder Rindfleisch. Als Getränke dient Wa.sser, Wein, Obstmost; von Wein aber nur die schlechten Sorten, da die besseren verkauft werden. Trunkenheit kommt ziemlich häufig vor, vorzüglich in guten Weinjahren. Die Bevölkerung ist im Ganzen gut gewachsen, kräftig, heiter; namentlich bieten die Weinlesen und das sogenannte Weizenschälen, wo die Leute sich gegenseitig unterstützen, heitere Versammlungen. Man hört viel singen und kommen vielfach Tanzunterhaltungen vor, allerdings oft auch Raufereien. Jeder yierte bis fünfte Mann ist militärtauglich. Schlimmer steht es mit den Gebirgsgemeinden. Kropfige kommen vielfach vor; die Gebirgsbewohner gehen schwerfälliger, sprechen lang- samer, zeigen sich überhaupt nicht so munter. Die Hau])tnahrung ist auch hier Mais, doch schon vielfach mit Weizen- Korn- selbst Hafer-Mehlspeisen gemengt, im Ganzen nicht fett, nur in einigen Häusern. In mehreren Häusern wechseln die Mehlspeisen regelmässig ab, als: türkiseber Sterz, abgeschmalzene Knödel, Nudeln, Tcggerlbrod (in einer Casserole mit Fett bestrichenes und so gebackenes Brod), Breiii (Hirse), Mehlbrei; Fleisch wird selten gegessen.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2476341x_0012.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)