Das athenische und das spartanishce Erziehungssystem im 5. und 6. Jahrhundert v. Chr. : ein Vergleich / von Dr. Phil. Nikolaus Exarchopulos.
- Exarchopulos, Nikolaus Iōannou, 1873-
- Date:
- 1909
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![Weise die Athener diese Schamhaftigkeit der Kinder ver- standen. x) Ein anderer unentbehrlicher Bestandteil der ocogpQootvi] ist, wie gesagt, der Anstand und die gute Manier. Deren Auffassung aber in Athen viel breiter war, als bei den Spar- tanern. In Sparta bestand sie bloß in dem guten Benehmen zu Hause oder auf den Straßen, im Gehorsam zu den Älteren usw. und darauf allein wurde sie beschränkt. In Athen aber waren die Forderungen viel größer. Hier wurden selbst- verständlich auch die oben genannten nicht vernachlässigt,* *) dazu trat aber noch das Streben nach einer gewissen Urbanität und Feinheit im Benehmen. Der Athener nämlich, der den Schwerpunkt seiner Erziehung nach der ästhetischen Seite hin verlegte, und aus dem ein harmonisches Ganze heraus- gebildet werden mußte, gewöhnte sich an die Eurythmie in seinen Bewegungen, an die Eleganz und Grazie in seinem Benehmen, und im allgemeinen lernte er jene graziösen Manieren in Gang und Haltung, welche nach athenischer Auffassung, jeder freie Mensch besitzen muß. So daß, wenn der Spartaner die Älteren einfach grüßen mußte, der Athener dies mit Grazie zu tun lernte. Wenn jener gehen mußte den Arm innerhalb des Mantels haltend, mußte sich dieser bemühen, dasselbe mit Zierlichkeit zu tun. Wir können also sagen, daß, wenn die aidwg die sittliche Seite der ococpQoovvt] war, die tvy.ooi.iiu ihre ästhetische Seite repräsentierte. Damit aber all dies erreicht werden könnte, damit es möglich würde, daß der Zögling alle diese Manieren in sich verkörpere, und nicht gekünstelt, sondern mit einer Natür- lichkeit und Unbefangenheit sie gebrauche, war es notwendig, a) eine Gewöhnung durch häufige Wiederholung und b) der frühe Beginn dieser Übung. Und in der Tat, sorgten dafür zuerst die Eltern des Kindes und seine Wärterin, und später, wenn der Pädagog eintrat, war dies sein Hauptwerk.3) So J) Xmophon hat uns in seinem Gastmahle (3, 12), bei der Be- schreibung des schönen Autolykos, ein herrliches Bild der Scham- haftigkeit gezeichnet. — Auch Luctan zeichnet ein sehr hübsches Bild von einem Knaben, der in die Schule mit niedergeschlagenen Augen geht und weder rechts noch links sieht. (Amores 44.) *) Aristophan., Wolken 959 ff. Plato, Charmid. 159, B. 8) Dabei ist es zu wundern, daß die Athener, obschon sie eine so große Bedeutung der Gewöhnung und Nachahmung zumaßen, doch ihre Kinder groben und ungebildeten Sklaven überließen, welche von](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b2485976x_0096.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


