Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 1: Muskel- und Nervenphysiologie / von J.M. Schiff.
- Date:
- 1858-59
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Credit: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 1: Muskel- und Nervenphysiologie / von J.M. Schiff. Source: Wellcome Collection.
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![also auch der supponirte Stoss die Reaction vermehrt, so mnss ihm jedesmal der Trieb zur Bewegung vorhergehen. Woher aber dieser Trieb so regelmässig nach den angegebenen Eingriffen, wenn sie das Tliier nicht empfindet? Dem Pons wird von allen Forschern eine sehr ausgehildete Schmerz- empfindliohkeit zugesprochen. Die Berühruns: seiner äusseren Fläche oder Einstechen in denselben erzeugt, wie Mac/endie richtig bemerkt, heftige Schmerzen. Von oben her ist er nieht'so sensibel, denn man kann, wie Magendie sah und ich mehrfach bestätigte, eine Sonde in den Aquaeductus Sylvii tief einfuhren , ohne dass das Thier darauf reagirt. Schon Langet fragt (1. c. pag. 427), ob der Pons nicht seine so sehr rosse Empfindlichkeit wesentlich den in ihm verbreiteten Wurzelfäden es Nervus trigeminus verdanke, die nolhwondig mit ihm gereizt werden. Diese Frage schien damals nicht entschieden werden zu können, seitdem ich aber «ezeigt habe, dass wenn man das Ganglion Gasseri von den Wurzeln des genannten Nerven abtrennt, diese nach einigen Tagen ihre Emi)tindlichkeit verlieren und weit in den Pons hinein entarten, war diese Frage in das Bereich der Experimentalphysiologie gezogen. Bei einigen Kaninchen versuchte ich den Trigeminus zwischen Ganglion und Gehirn zu durchsehneiden. Nach 7 bis 8 Tagen legte ich einen Theil der äusseren Fläche des Pons bloss und diejenigen Thiere, bei denen das Experiment nach Wunsch gelungen war, zeigten an der operirten Ponshälfte nur eine sehr zweifelhafte Spur von Empfindung, die vielleicht von Miterregung der anderen Seite herrührte. Es geht hieraus hervor, dass die Substanz des Pons an und für sich nicht auffallend sensibel ist, obschon man sie nicht geradezu für unem- pfindlich erklären darf. Der Pons verhält sich also in dieser Beziehung wesentlich, wie die Hinterstränge des Rückenmarks. 2) Excentrische Empfindungen vom Hirn aus. Bei der nur schwach ausgesprochenen Reizempfindlichkeit derHirn- theile würde man nicht erwarten, dass krankhafte Zustände derselben heftige excentrische Schmerzen in den peripherischen Körpertheilen hervorrufen könnten. Dennoch existiren zahlreiche Beobachtungen, in denen eine Krankheit der Hirnmasse von heftigen Schmerzen in den Ex- tremitäten begleitet war, oder wo solche im Anfangstadium während der Reizung sich zeigt. Allerdings sind diese Fälle nicht die häufigeren, denn gewöhnlich zeigt sich als excentrisches Sensibilitätss^ mptom nur Schwere, Taubheit oder Ameisenkriechen, also Modificationen des Be- rühruno-soefühls. Aber auch die Fälle der ersteren Art sind zu oft be- obachtet, als dass wir in ihnen, wie beim Rückenmark, nur em zufälliges Zusammentreffen verschiedener Leiden vermuthen dürften. Es schei- nenalso beim Menschen die sensibeln Hirntheile ein ausgesprochenere Schmerzgefühl zu haben, wie das ja auch für manche peripherischen sensibeln Theile feststeht. Jedenfalls aber ist es klar, dass voni'Hirn aus excentrische Aflectionen des Gemeinoefühls erzeugt werden können, dass also die als empfindlich erkannten Theile oder wenigstens einige derselben, nicht blos eigene Sensibilität besitzen, sondern auch als Leiter sensibel sind. Wir kennen demnach jetzt in den Centraltheilen unempfindliche und em])findliche Lei- ter des Schmerzgefühls , unbekannt aber sind uns noch solche, die em- pfindlich sind, ohne dass ihre Sensibilität durch die in ihnen befindlichen Leitungsbahnen selbst, sondern ausschliesslich durch andere in sie ein- gehende Nerven vermittelt würde, so dass man sie durch Zerstörung](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21925689_0381.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)