Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 1: Muskel- und Nervenphysiologie / von J.M. Schiff.
- Date:
- 1858-59
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Credit: Lehrbuch der Physiologie des Menschen. 1: Muskel- und Nervenphysiologie / von J.M. Schiff. Source: Wellcome Collection.
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![Was ist das für eine Wissenschaft, die behauptet, wie es jetzt nach Andral fast alle Pathologen thun, dass wenn eine KrnnUheit 'die Hälfte des Kleinhirns einnehme, sie stets Lähmunji; in der entgegengesetzten Körperhälfte erzeuge, wenn aber eine gewiss'e an und für^sich lähmende Ursache im grossen Gehirn hinzuträte, so würde jene erste Wirkung auf- gehoben ! Eine Thatsache, so hört man oft von physiologischen Schriftstellern, aber nicht von vorsichtigen Klinikern behaupten, solle feststehen. Eine Blutung in der Gegend der Seh- und Streifenhügel solle die entgegen- esetzte Kur[)erhälfte lähmen, und daher sei den ^fit/e« genannten Ge- ilden der grösste Einfluss auf die Bewegung zuzuschreiben. Allerdings, Hemiplegie ist häutig nach sehr vielen noch nicht ermittelten Krankhei- ten an unbekannten Stellen einer Hirnhäll'te, viele dieser Krankheiten sind auch von Bluterguss begleitet und das Blut sammelt sieh sehr leicht im Seitenventrikel, weil hier beträchtliche Gefässe sind, die zerreissea können und gehöriger Raum viel Blut aufzunehmen, wenn es aus irgend einer Stelle der Wandung eindringt. Es sammelt sich auch oft im Innern des Seh- und Streifenhügels, aber was beweist dies für die Wich- tigkeit der genannten Theile für die Bewegung. Was kann man daraus für die motorische Wirksamkeit des Streifenhügels schliessen, wenn Fälle bekannt sind, in denen ein Bluterguss in denselben oder seine Er- weichung auch ohne alle Lähmung verlief, andere in denen nur ein Fuss, wieder andere in denen nur ein Arm gelähmt wurde. Wenn eine an- geblich vollständige a])oplectische Zertrümmerung des Streifenhügels ein Mal nur den Fuss, das andere Mal nur den Arm gelähmt zeigt, was lässt sich, wenn wir nicht jedes Gesetz in den organischen Bildungen läugnen und damit die Wissenschaft aufgeben wollen, hieraus anderes entnehmen, als dass weder die freie Beweguno; des einen noch des anderen Gliedes des Streifenhügels nothwendig bedarf, und dass man die kranke Stelle von denen jede dieser beiden Paralysen wirklich hervorgebracht wurde, nicht zu erkennen im Stande war. Auf der anderen Seite streiten noch heute die Pathologen darüber, ob es wirklich tiefe Erkrankungen — und nicht blos sehr zweideutige Erweichungen — des Sehhügels gibt, bei denen die Bewegung des Armes der entgegengesetzten Seite erhalten sein kann, während dies für die Bewegung cler hinteren Extremität ausser Zweifel gesetzt ist. Es scheint in der That, dass auch beim Menschen tiefe Erkrankun- gen des Basalhirns bis zum Sehhügel inclusive immer mit Bewegungs- lähmung verbunden sind. Es ist nach einer Reihe sorgfältiger Beobach- tungen sogar möglich, dass die Bewegungen der Halswirbelsäule in Folge von Veränderungen des Gross- oder Kleinhirnschenkels auf analoge Weise wie bei Thieren gelähmt werden. So sehwankend sieht es mit den Ergebnissen der pathologischen Anatomie des Hirns aus, schlimmer noch mit den daraus gezogenen Schlüssen. Und auf dieses Gewirre von Widersprüchen, unverständ- lichen Sectionsresultaten, voreiligen Deutungen und dunkeln Vermuthun- gen gestützt, wagt man es, die genau übereinsHmmenden Erfolge von meh- reren hundert an derselben Thierart vorgenommenen gewissenhaft be- obachteten Versuchen — nicht etwa nur in ihrer Anwendbarkeit auf den Menschen zu beschränken — sondern geradezu zuverdächtigen und ihnen als Erfindungen einer unreifen Erklärungssucht allen Werth und alle Wahrheit abzusprechen!](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21925689_0385.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)