Lehrbuch der plastischen Anatomie für akademische Anstalten und zum Selbstunterricht / von E. Harless.
- Harless, Emil, 1820-1862.
- Date:
- 1876
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Credit: Lehrbuch der plastischen Anatomie für akademische Anstalten und zum Selbstunterricht / von E. Harless. Source: Wellcome Collection.
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No text description is available for this image![\ ereinigung aller Kennzeichen einer Individualität in dem Kopf giebt die Berechtigung, den einen Theil der menschlichen Gestalt statt des Ganzen künstlerischer Darstellung zu Grunde zu legen. §• 1. Es grenzt sich der Kopf von dem Hals am Schärfsten ab in der Gegend des Kinnes, welches mit jenem nahe einen rechten Winkel bildet. Der Scheitel dieses Winkels wird freilich abgerundet durch die von der Halsgegend herauf- steigende Muskulatur und die darüber ausgebreitete Haut. An den seitlichen Theilen bildet die Spitze des Ohrläppchens wenigstens das äusserliche Merk- mal, während hier, und noch mehr in der Nackengegend, die Contur des Koples mit der des Halses allmählig zusammenfliesst. Eine von der Kinnspitze aus nach rückwärts gelegte Horizontallinie trifft beim erwachsenen Mann den vierten Halswirbel, während die an den untersten Theil des Hinterhauptes ge- legte nahezu in die Mundspalte oder etwas über sie fällt. Bei der annähernd rundlichen Gestalt gehen die einzelnen Flächen oder Ansichten mehr oder minder unmerklich in einander über. Auf der vorderen liegen ]£inn, Mund, Nase, Augen, Stirne und der vordere behaarte Theil, auf der seitlichen: Wange, Schläfe und Ohr, auf der hinteren der Haarwuchs, dessen Grenze, bald höher, bald tiefer an der Stirne beginnend, sich über die Schläfe herab hinter das Ohr und nach der Nackengegend herabzieht. Nur eine unselige Schablonen- manie lässt die in der Natur immer deutlich ausgesprochene Flächentrennung in ein drehrundes Oval zusammenschmelzen, und stumpft die natürlichen, charakterisirenden Flächenwinkel und scharf ausgesprochenen Grenzlinien zu weichlichen Biegungen ab, um dem voreiligen Vorwurf der Härte um jeden Preis auch selbst auf Kosten jeder Naturmöglichkeit zu entgehen. §• 2. In diesen Conturen des Kopfes ist eine grosse Masse sehr verschiedener Theile eingeschlossen, welche zusammen ein nicht unbeträchtliches Gewicht ausmachen. Man sieht sehr häufig auf bildlichen Darstellungen, dass der V irkung dieses Gewichtes keine Rechnung getragen wird. ^ In der Haltung oder in der Hand der Herodias, welche das Haupt Johannis auf der Schüssel trägt, ist oft keine Spur der Wirkung des Druckes oder der Spannung, welche mit mechanischer Nothwendigkeit bei dieser Situation auftreten muss, und bei einigem Streben nach Naturwahrheit nicht umgangen werden darf. Man denke sich ein Gewicht von 8—10 Pfund auf einem entsprechend massiven Metallteller frei, d. h. mit vorgestreckten Armen getragen, und man wird zu- geben, dass diese Last in solcher Stellung sowohl auf die Haltung des Körpers, noch mehr aber auf die Modellirung der Hand von nicht unbedeutendem Ein- fluss ist. Man gestatte mir hier mit ein paar Worten zu zeigen, dass eine solche scheinbare Kleinlichkeit nichts weniger als das ist, wofür sie Mancher vielleicht mit Lächeln aufzunehmen geneigt sein könnte. Das Contrastirende der Situation mit dem Begriff eines weiblichen Wesens und Charakters wird nothwendig um so hervorstechender, je mehr die Herodias gezwungen erscheint, ihre Gedanken auf die Situation zu richten, in welcher sie vor dem Beschauer erscheint. Man versteht, dass dies leicht anzudeuten wäre, wenn der Künstler ihren Blick auf den Kopf gerichtet sein liesse, sieht aber auch, dass dann der Contrast mit der ächten Weiblichkeit noch unschöner und zwar um so mehr hervortreten müsste, als sich dem Gesicht ein Zug von Triumphiren u. dergl. Harless, plast. Anatomie. Zweite Aufl. o](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28110869_0037.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)