Copy 1, Volume 1
Handbuch der Physiologie des Menschen fur Vorlesungen / [Joh Müller].
- Johannes Peter Müller
- Date:
- 1835-1840
Licence: Public Domain Mark
Credit: Handbuch der Physiologie des Menschen fur Vorlesungen / [Joh Müller]. Source: Wellcome Collection.
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![V. Vorn kleinen Gehirne. lieber die Kräfte des kleinen Gehirns haben Rolando, Flou- RENS, Magendie, Schoeps Und Hertwig interessante Versuche an- gestellt. Aus den Untersuchungen von R.ola]sdo [Journal de phy- siol, 1823., Saggio sopra la oera siruttura del ceroello j edit. 3. Torin. 1828. 3 Fo/.) ergiebt sich, dass die Abnahme der Bewe¬ gungen mit der Verletzung des kleinen Gehirns im geraden Ver¬ hältnisse steht, dass die Thiere durch diese Verletzung nicht be¬ täubt werden, und ihre Empfindiingskraft in allen Theilen be¬ halten, dass sie aber die Kraft ihrer Muskelbewesjun^en verlieren. Die Thiere haben die Augen offen, sie betrachten alle Gegen¬ stände, aber umsonst versuchen sie sieb in der zur Ortsverände¬ rung nöthigen Bewegung. Ein Thier, dem die eine Seite des kleinen Gehirns weggenommen ist, fällt auf dieselbe Seite, und kann sich auf dem Beine derselben Seite nicht mehr erhalten (?). Diese Beob¬ achtungen bestimmten Rolando zu der unerweislichen Annahme, dass das kleine Gehirn das Erzeugungsorgan für das Nervenprincip sey, welches er mit dem electrischen Principe vergleicht, und dass die abwechselnden Lagen von grauer und weisser Substanz, wie auch Reil glaubte, als eine galvanische Säule wirken. Die Versuche von Flourews sind in ihren Resultaten klarer und entscheidender. Er fand, dass die Thiere bei dem Abtracen des kleinen Gehirns keine Empfindungen zeigen (Versuche etc. p. 18.). Nahm er bei Vögeln Schnitt für Schnitt das kleine Gehirn weg, so trat Schwä¬ che der Muskelbewegungen und Mangel an Uebereinstimmung derselben ein. Nach der Wegnahme der oberflächlichen und mittleren Lagen wurden die Thiere unruhig, ohne in Convulsion zu gerathen; sie machten heftige und ungeregelte Bewegungen, aber sahen und hörten. Als die letzten Lagen weggenommen wurden, verloren die Thiere die Fähigkeit zum Springen, Flie¬ gen, Gehen, Stehen, zur Erhaltung des Gleichgewichtes. Wurde ein Vogel in diesem Zustande auf den Rücken gelegt, so konnte er nicht mehr aufstehen, er flatterte beständig und zeigte keine Betäubung; er sah den Streich, den man nach ihm führen wollte, und wollte ihn vermeiden. Es blieb also Wille, Empfindung und Besinnung, und nur die Kraft und Fähigkeit, die Bewegungen der Muskeln gruppenweise zweckmässig zu Ortsbewegungen zu ver¬ binden, war verloren, und seine Anstrengungen zur Erhaltung des Gleichgewichtes waren wie die eines Trunkenen (a. a. O. p. 34.). Aus diesen Versuchen, die Flourens in allen Thierclassen über¬ einstimmende Resultate gaben, schliesst derselbe, dass das ^kleine Gehirn weder zu den sensoriellen, noch zu den intellectuellen Appa¬ raten gehört, dass in ihm nicht die Quelle der willkührlichen Be¬ wegungen liegt, dass es zwar zu den motorischen Apparaten gehört, dass es aber bei Verletzungen nicht wie andere motori¬ sche Apparate, Rückenmark und verlängertes Mark, Convulsionen bewirkt, dass vielmehr durch seine Verletzung nur die Kraft der Bewegungen und die Fähigkeit, sie zweckmässig zu den Ortsbe¬ wegungen zu coordiniren, verloren geht. Wenn diese Ansicht rich¬ tig ist, so muss im kleinen Gehirne die Mechanik zu der gruppen-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b29326825_0001_0840.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


