Copy 1, Volume 1
Handbuch der Physiologie des Menschen fur Vorlesungen / [Joh Müller].
- Johannes Peter Müller
- Date:
- 1835-1840
Licence: Public Domain Mark
Credit: Handbuch der Physiologie des Menschen fur Vorlesungen / [Joh Müller]. Source: Wellcome Collection.
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![ins Gleich gewicht, und das Missverhältniss zwischen beiden Sei¬ ten stellt sich wieder her. Die Taube sah auf der verletzten Seite sehr gut, sie hörte, stand, ging, flog ohne Hinderniss. ]Vach Wegnahme beider Hemisphären entsteht Verlust des Gesichtes und Muskelsclnväche, die jedoch weder bedeutend nocli an¬ haltend ist. Eine solche Taube flog, wenn man sie in die Luft warf; sie ging, wenn man sie stiess. Die Iris war in beiden Augen beweglich; die Taube hörte nicht, sie bewegte sich nicht frei¬ willig, immer zeigte sie sich in der Art eines schlafenden Thie- res, und wenn man sie reizte, so zeigte sie das Wesen eines er¬ wachenden Thieres. In welche Lage sie nun auch gebracht wurde, so setzte sie sich ins Gleichgewicht; auf den Rücken ge¬ legt, stand sie auf; Wasser, das man ihr in den Schnabel gab, trank sie; sie widerstrebte den Bemühungen, den Schnabel zu öffnen. Flourens vergleicht ein solches Thier mit einem Wesen, das immer zu schlafen genöthigt ist, aber selbst das Vermögen zu träumen verloren hat. Die Versuche an Säueethieren fielen O fast' eben so aus. Hertwig’s Versuche stimmen mit denen von Flourens überein. Er fand die Hemisphären des grossen Ge¬ hirns nicht empfindlich, und nur bei der Verwundung der Basis des Gehirns zeigte ein Hund Zeichen des Schmerzes. Ein Hund, dem Hertwig beide Hemisphären weggenommen, bewegte sich nicht mehr freiwillig von dem Orte, wo er lag, sondern war ganz stumpfsinnig; angeregt, that er einige Schritte, sogleich fiel er aber wieder zu Boden und in Schlafsucht. Einen Schuss hörte er nicht. Eine Taube, welcher Hertwig den obern Theil der Hemisphäre wegnahm, hatte Gesicht und Gehör verlo¬ ren, und sass wie schlafend da. Er fütterte sie; Erbsen, die ihr bloss in den Schnabel gegeben wurden, verschlang sie nicht, wohl aber, wenn sie auf die Zunge gelegt wurden {R.eflexion); die Mus¬ keln waren Avenig gesellAvächt; sie stand fest und flog, in die Luft geworfen. Dieser Zustand dauerte bis zum 15. Tage, avo das Gehör und die Empfindlichkeit grösstentheils Aviederkehrten; diese Taube lebte drei Monate. Eine Henne, der beide Hemisphären bis fast auf die Basis ausgeschnitten Avaren, hatte Gesicht, Ge¬ hör, Geschmack, Geruch verloren, sass immer an einem Orte und gab kein Zeichen von sich, bis sie heftig angeregt, einige Schritte that. In diesem Sopor lebte das Thier ohne Wieder- herstellune; der Sinnesthätiekeit drei Monate. Sgiioeps hat ähnli- O Tj che Versuche angestellt. Meckel’s Archw. 1827. Offenbar, wie aus diesen Versuchen und den Folgen des Drucks auf die Hemisphären des Menschen hervorgeht, sind diese Theile des Gehirns der Sitz der Seelenfunctionen, der Ort, avo die Em¬ pfindungen nicht bloss bewusst Averden, sondern zu Anschauungen, Vorstellungen umeeschaffen, und von avo aus die Seelenthätigkelt als Aufmerksamkeit bald mehr diesem, bald jenem Lheile der sensoriellen Einwirkungen sich zuAvendet. Welcher Unterschied in Hinsicht der Kräfte der grauen und markigen Substanz obwalte, ist gänzlich unbekannt. Mit der Ausdehnung der Oberfläche der HirnAvinduncen nimmt offenbar die Capacität des Seelenvermögens in der Thierwelt zu; aber Avir kennen nicht](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b29326825_0001_0844.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


