Volume 1
Völkerkunde / Von prof. dr. Friedrich Ratzel.
- Friedrich Ratzel
- Date:
- 1885-1888
Licence: Public Domain Mark
Credit: Völkerkunde / Von prof. dr. Friedrich Ratzel. Source: Wellcome Collection.
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No text description is available for this image![33erfci^iebenl^eiten ber Spracf^e. Seben ber 0pracf)e. Spradjforf^ung Tjat biefe 2Bainüau=2^(jeorie beifeite getetjt. 33on bem beinegticTjen 9)hmbe beä lebenben 9Jtenfcf)eu getragen unb ber Seele, bem 3tu5gang§pimfte ber Seben^äuBerungen, fo natje bleibenb, trägt bie Sprache ba§ 3}terfmat be» Sebent, nämticB bie beftäubige 9.>ernuberung unb luieber im Söed;fe( bie 33eftänbigfeit, nnf)3 beutlid^fte ausgeprägt an fid). Übertebt fie and) bie @efd^ted)ter berer, bie fie fprac^en, fo tebt fie bod^ mit i^nen, inbem fie metjr ober weniger ftarfe Jßeränberungen erfährt. Unb enblid^ fterben aiicB bie Spra; djen. SaS 3atägpptifd;e ftarb nod) früher als bie ägpptifd;e Kultur, baS 3lltgried)ifdjc überlebte nidjt feljr lange bie felbftänbige ©riftenj beS ©riedjenoolfeS, unb mit 9^om fiel baS Sateinifdje. Sie brei Spradjen, bie Ijier genannt würben, finb nid)t finberloS ge= ftorben, fie leben im 5?optifd)en, 9teugricd)ifd)en unb in ben romanifcBen Socbterfprad)en fort. Seltener finb Sprad^en, weldje ganj geftorben finb, wie baS ©otifdje. Sod; felbtt baS 65otifd;e wirb von nal;e oerwanbten Sd)wefterfpradjen überlebt, bie ben Stamm erhalten. 3tber baS 33aSfifd)e wirb allem Slnfdieine nad; bereinft eins ber merfwürbigiten SBeifpiele einer Sprad;e fein, bie, einfam fteljenb, ol;ne alle nähern ober fernem 3L^erwanbt= fd^aftSbe^iehnngen 311 mitlebenben Spradjen hii^fü^bt. So fterben alfo gaii3e Sprad;en. Saneben gel)t im Seben jeber Sprache ein allmählid)eS 3Ibfterben oor fid;, baS in mancherlei formen fid; fnnbgibt. äl'örter oeralten, fommen auBer ©ebraud; ober fiuben mir nod; im 9}tunbe uon ^U'ieftern unb Sid;tern eine 9)töglichfeit ber Grl;altung. ©. 3)tarfl; h^U nad;gewiefen, baB feit 1611 in ber englifd;en Sprad;e 388 äBörter oeraltet finb. Sa3U fommen 3al;lreiche Stnberungen ber 3luSfprad;e, ber 9tcd;tfd;reibung unb beS Sinnes. 3llte 9tebenSarten, weld;e immer nodh fortgebrand;t werben, nad;bem il;r Sinn längft unoerftänblid; geworben, finb oor allem in bem gebanfenarmen Seben ber 3latur- üölfer h^iifuj iiiib fpielen feine fleine 9?olle. So ruft im Slampfe ber l;orauSforbernbe §ibfd;ianer feinem ©egner 31t: ,,Sai tava! Sai tava! Ka jmu mal ka yavia a bure!“ („Sd;neib’ 31t, fd;neib’ 311, ber Sempel empfängt'), aber niemanb fennt ben Sinn biefer ä'öorte, bie jebermann für fel;r alt l;ält. 9Sie anberfeitS mit neuen Singen neue SBörter unb 3Senbungen in bie Sprad;e eingefül;rt werben ober beffer fid; einfül;ren, hut baS 3eitalter ber ©ifenbal;nen unb Sampffd;iffe wie fein anbreS oor ihm ge3eigt, beim bie Sprad;en aller 3ioilifierten 35ölfer finb bnrd; baSfelbe mit Rimberten non neuen 3öörtern bereid;ert worben. ©ewiffermaBen unter unfern 3lugen ift baS englifd;e etli in ber Gn= bigung ber brüten ^erfon ber ^^iü'-’örter burd; es (liveth, lives), im Seutfd;en baS et burd; t (lebet, tebt) erfept worben unb ift im Seutfd;en baS e in „l;cute unb äl;nlid;en Si'örtern im 33egriffe, abgeftoBen 311 werben. Siefe Ikränberungen finb in ungefd;riebenen Sprad;en natürlich oiel gröfier als bort, wo bie Sd;rift gewiffermaBcn als oerfteinernbeS 3Jlebium auf bie Sprad;e wirft. Unb wenn wir ber 33el;auptung ber Sprachgelehrten red;t geben müffen, baB baS :i^eben ber Sprad;e nid;t in ben Sd;riftfprad;en, fonbern in ben Sialeften pnlfiere, unb baB in ben Sialcften bie 5^cime neuer Sprad;bilbungcn fd;lummern, fo üerftel;en wir, wie man in ben Sprad;en ebenfo oariable SrganiSmen fel;en mag wie in ben ^'flau3en ober Sieren. aBäl;renb bie Sd;rift banad; ftrebt, eine beftimmte Sprad;e 311 fixieren, l;at ber reid;ere, weitere 2]erfel;r ber Sd;riftoölfer sugteid; bie Senbeu3, baS 33erbrcitungSgebiet eines SialefteS, bc3ief;entlid; einer Sprad;e 311 erweitern. GS würbe nid;t unrid;tig fein, im aflgemcinen 311 behaupten, baf; bie fd;rifttofen 58ölfer nur Sialefte fpred;en, wäl;renb Sprad;on nur oon Sd;riftuölfcrn getragen werben. 3Öo liegt aber bie ©rcu3e 3wifd;cn Sialeften unb Sprad;en? Unter Sprad;e oerfteht man heute einen Siateft, ber burd; bie Sd;rift firiert, burd; ben 33erfcl;r weit oerbreitet ift. iltai' 9)iüller fagt mit 9ted;t oon ben „littcrarifd;en ^biomen, baB Uinftlid;e als natürlid;e ^^ormen ber 9tebe barftellen. Sialefte erfd;einen unS als ärmere, weniger beftimmt feftgeftellte unb geregelte, bal;er ber 'l'cränberung, felbft ber äBillfür mel;r](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b24871953_0001_0045.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)