Beiträge zur psychologischen Theorie der Geistesstörungen / von Otto Meyerhof.
- Otto Fritz Meyerhof
- Date:
- 1910
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Credit: Beiträge zur psychologischen Theorie der Geistesstörungen / von Otto Meyerhof. Source: Wellcome Collection.
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![135] Theorie aufzuweiseu haben, wie weit (rrarfunterschiede des Be- wußtseins und wie weit qualitative Unterschiede vorliegen, und in letzterem Fall wird stets irgendeine Zusammensetzung aus mehreren Grundvermögen vorliegen müssen; z. B. beim Denken: Erkenntnis und Willkür. Dagegen sind Lustgefühl und Wahr- nehmung auch abgesehen vom Gegenstand als psychologische Akte verschieden; und wieder ist die Differenz zwischen den ver- schiedenen Lustgefühlen teils nur eine gradweise, teils beruht sie auf den Gegenständen der Lustgefühle. Den Begriff der „psychischen Kraft“ kennt auch die Psychologie von LiPPS, aber nur in ihrer früheren Gestalt verwendet sie ihn in unserm Sinne als Vermögen^ während Gegenstand meiner Erkenntnis machen kann, kanii ich meine Rotempfindung zum Gegenstand einer Erkenntnis machen, d. h. ich mache den Empfindungsakt selbst, bezw. wenn ich von den individuellen Umständen des Aktes abstrahiere, den Inhalt der Empfindung zum Gegenstand einer zweiten Erkenntnis. Diese zweite Erkenntnis ist eine psychologische. Wenn nun meine erste Erkenntnis keinerlei Qualitäten über die des Gegenstandes hinaus besäße, so würde die zweite Erkenntnis völlig gegenstandslos sein, bezw. die erste nur wiederholen können; es gäbe also gar keine Psychologie, zum mindesten keine Psychologie der Erkennt- nis. Da ich aber tatsächlich über die Erkenntnisakte, Empfindungen, Vorstellungen vieles aussagen kann (z. B. daß sie eine bestimmte Bewußtseinsstärke haben, sich nach bestimmten Gesetzen assoziieren u. s. w.), was nichts mit der Verschiedenheit der Gegenstände zu tun hat, so sehe ich, daß es tatsächlich echte Gegenstände der inneren Wahrnehmung gibt, solche also, die nur Gegenstände der Psychologie sind. Dagegen gehört die sogenannte „Analyse der Empfindungen“ zum größten Teil gar nicht zur Psychologie, indem die in ihr untersuchten Verhältnisse (Farben, Töne, Ge- rüche) Gegenstände äußerer Wahrnehmung und die sogenannten Unterschiede der Empfindungen in Wahrheit Unterschiede der Gegenstände der Empfindungen sind. Die „Sinnesphysiologie“, die dieses Thema behandelt, ist also ein Zweig der äußeren Natur\vissenschaft, nicht der Psychologie. Wenn man diesen Ge- dankengang konsequent festhält, so ergibt sich ein dem gewöhnlichen gegenüber sehr abweichendes wissenschaftliches Weltbild. (Ähnlich neuerdings auch Lipps, Psychologische Untersuchungen, I, 1905, S. 20.) ‘ Grundtatsachen des Seelenlebens. 1883. S. 2ß,](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28067319_0043.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


