Pathogenese innerer Krankheiten : nach Vorlesungen für Studierende und Ärzte / von Fr. Martius.
- Friedrich Martius
- Date:
- 1909
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Credit: Pathogenese innerer Krankheiten : nach Vorlesungen für Studierende und Ärzte / von Fr. Martius. Source: Wellcome Collection.
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![dieser so auffälligen generellen Verschiedenheiten krankmachenden Reizen gegenüber aufzudecken. Sie können nur in Artverschieden- heiten gesucht werden, für die im Bau und in der Function, oder ge- nauer noch iu der chemischen Constitution d r Zellen, Gewebe und Organe eine materielle Grundlage vorausgesetzt werden muss. Worin aber besteht die letztere? Was unterscheidet die Ganglien- zelle des Hundes von der des Menschen, was Muskelfaser von Muskel- faser? Das ist eines der grossen Räthsel der Biologie. Noch sind wir weit von seiner Lösung entfernt. Die mikroskopische Forschung, die in das feinste Gefüge der histologischen Elemente eindringt, lässt hier schliesslich ebenso in Stich, wie die chemische Analyse, die zwar die Constitution des Eiweissmoleküls aufzuklären sich anschickt, dem Pro- blem der Artunterschiede des Eiweisses g genülier aber völlig versagt. Und doch leuchtet bereits auch hier von ferne ein wenn auch nur schwaches Licht auf. Die biologische Reaction (1) lehrt uns, Artunterschiede des Eiweisses fest.zustell *n, die es ermöglichen, histo- logisch und chemisch ununterscheidbare Zellen differenter Arten mit Sicherheit zu sondern, und ebenso umgekehrt den bisher gänzlich ver- missten, directen experimentellen Beweis für die phylogenetische Vei'- wandtschaft morphologisch einander nahestehender Arten, wie Mensch und anthropoider Affe, zu erbring n (2). Der exacte Nachweis, dass den chemisch identischen Eiweiss- molekiilen verschiedener Thierarten ein durch die biologische Reaction erkennbarer physiologischer Artunterschied anhaftet, lässt patho- genetische Artdifferenz n, wie die Bakt riologie sie in zahlreichen Fällen aufgedeckt hat, wohl begreiflich erscheinen. Aber — das ist die Frage, die uns hier beschäftigt — ist damit auch das fast unübersehbare Heer der individuellen Abweichungen von der generellen Krankheitsanlage dem Verständnis näher ge- bracht? Denn erst mit dieser Frage beginnt das eigentliche Problem der menschlichen Pathogenese. Dass es eine generelle Disposition des Menschengeschlechtes zur Phthise gibt, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Denn ohne eine solche existirto die Tuberculosefrage für uns nicht. Nur darum dreht sich der Streit, ob es individuelle Unterschiede in der Wider- standsfähigkeit gegen das Tuberkelgift gibt. Wenn aber ja — und für die Constitutionspathologie ist dieser schon recht langathmige Streit im positiven Sinne entschieden (vergl. Schlüter, Die Anlage zur Schwindsucht [B]) — so erhebt sich die weitere Frage, woher diese individuellen Unterschiede in der Krankheitsanlage stammen. Damit treten wir unmittelbar dem Vererbungsproblem gegenüber. Es gibt erworbene und angeborene individuelle Krankheits- anlagen. Ueberstandene Lues disponirt zur Tabes. Das ist das typische Beispiel einer erworbenen Krankheitsanlage. Wir stellen uns die Sache so vor, dass der „Syphilismus” eine materielle Veränderung des Nervensystems schafft, auf d'-ren Boden durch exogene Einwirkungen (Ueberanstrengung u. s. w.) mit Vorliebe die specielle Strangdegene-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28071165_0010.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)