Der physiologische Unterricht und seine Bedeutung für die Ausbildung der Ärzte / von J. Rosenthal.
- Isidor Rosenthal
- Date:
- 1904
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Credit: Der physiologische Unterricht und seine Bedeutung für die Ausbildung der Ärzte / von J. Rosenthal. Source: Wellcome Collection.
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![greifen müssen. Was der Schüler hiervon lernt, das erfährt er nicht aus den paar Kapiteln, welche er in den Originalen liest, sondern aus dem Geschichtsunterricht und den gelegentlichen Mitteilungen des Lehrers. Von dem, was an den alten Grie- chen das Hervorragendste ist, von ihrer bildenden Kunst, bieten die alten Schriftsteller überhaupt nichts. Träte Lessing's Laokoon nicht ergänzend ein, so würde die bil- dende Kunst in der Schule kaum besprochen werden, und trotz seiner verlässt auch heute noch mancher Jüngling das Gymnasium, ohne von ihr mehr gehört zu haben als Worte, Worte ohne Sinn. Denn im Gebiete der bildenden Kunst sind Worte ohne Bilder, ohne sinnliche, durch das Auge vermittelte Anschauung nichts als leerer Schall. Meines Erachtens sollte dem lateinischen Sprachunterricht ein gutes, unter Benutzung der alten Schriftsteller zusammengestelltes Lehr- und Lesebuch zu gründe gelegt werden, welches die Ge- schichte (nicht bloß die äußere, sondern auch die Kulturgeschichte) der alten Welt behandelt und, zusammen mit den mündlichen Erläuterungen des Lehrers, eine wirkliche Kenntnis des Altertums vermittelt. Neben diesem könnten auf den höheren Stufen ein- zelne Reden des Cicero, Tacitus' Germania und andere Schriften kursorisch gelesen werden. Eine kleine, aber gut zusammenge- stellte Abbildersammlung (etwa Seemanns kunsthistorische Bilder- bogen und was sonst zur Ergänzung notwendig wäre) sollte vor- handen sein, um durch Vorzeigung derselben den Unterricht zu beleben und anschaulich zu machen. Statt immer wieder neue Editionen und Emendationen zu tage zu fördern, sollten unsere Philologen sich an der Aufgabe versuchen, ein gutes Buch dieser Art zu verfassen, bezw. zusammenzustellen i). Ein solches Lesebuch würde für den Sprachunterricht mehr 1) Ich sehe voraus, dass'manche Gymnasiallehrer meinen Vorschlag für ganz unpraktisch erklären werden, weil sie es für durchaus notwendig halten, jährlich mit den aus Cäsar, Livius u. a. gelesenen Kapiteln zu wechseln, damit sich nicht Präparationshefte von einem Jahrgang auf den andern vererben, oder aus sonstigen ebenso äußerlichen Gründen. Dagegen muss ich um so nachdrücklicher betonen, dass Präparieren, Vokabelaufschlagen usw. niemals Zweck des Unterrichts sein kann, und dass gegen die wichtigen Aufgaben des Sprachunterrichts alle klein- lichen Rücksichten unbedingt zurücktreten müssen. [Ganz Analoges gilt natürlich für den Unterricht im Griechischen. Es spricht gewiss zu gunsten der von mir vorgetragenen Anschauungen, dass kein Geringerer als Herr v. Willamowitz- Moellendorf ein griechisches Lesebuch für Gymnasien herausgegeben hat.] 6*](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21169019_0087.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)