Der physiologische Unterricht und seine Bedeutung für die Ausbildung der Ärzte / von J. Rosenthal.
- Isidor Rosenthal
- Date:
- 1904
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Credit: Der physiologische Unterricht und seine Bedeutung für die Ausbildung der Ärzte / von J. Rosenthal. Source: Wellcome Collection.
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![auf unfruchtbaren Boden gefallen sind, aber das ist nicht seine Schuld. Ich gab einmal die Perthes'schen Schriften einem jungen Gymna- siallehrer, welcher sie noch niemals hatte nennen hören, und ich erhielt sie nach vielen Monaten ungelesen zurück. Viele Gymnasial- lehrer werden es auch sonderbar finden, dass ihnen ein Physiologe sagen will, wie man Latein lehren sollte. Sie mögen aber be- denken, dass Unterrichten keine philologische Disziplin ist, sondern eine praktische Kunst, über die nachzudenken jeder Vater volle Veranlasssung hat, ein Universitätslehrer aber, der eine schwierige Wissenschaft vorträgt, nachdenken muss. Dabei findet er dann dieses und jenes und das bringt er vor und versucht es mit. Gründen zu belegen. Gelingt es ihm nicht, diejenigen, die es angeht, zu überzeugen, dann muss er sich bescheiden und sich mit dem „in magnis voluisse trösten^). Eine strenge Durchführung der induktiven Methode ist aber beim Sprachunterricht viel schwieriger als bei andern Unterrichts- gegenständen. Und der eigentlichen Aufgabe alles Schulunterrichts, der Erweiterung des Vorstellungskreises und der Gewöhnung an induktives Denken, wird derselbe immer nur in beschränktem Umfange gerecht werden. Deshalb darf der Sprachunterricht nicht 1) Je weniger gelehrt jemand ist, desto mehr pflegt er sich bei allem seinem Tun dem sog. „natürlichen Menschenverstand zu überlassen, desto mehr ent- spricht dann in der Regel sein Tun dem, was die wahre Theorie erfordert. So war und ist noch jetzt vielfach beim Unterricht in den neueren Sprachen ein häufig planloses, im wesentlichen aber doch der induktiven Methode folgendes Verfahren im Gebrauch. Dieses sollte methodisch verbessert und dann auch auf die alten Sprachen übertragen werden. Statt dessen versucht man es mit dem Gegenteil. In den Erläuterungen zu dem neuesten Lehrplan der preußischen Gymnasien (ich muss aus dem Gedächtnis berichten, da mir das Schriftstück augenblicklich nicht zur Hand ist) findet sich die Bemerkung, dass die vermehrte Zeit, welche dem Unter- richt im Französischen eingeräumt ist, benutzt werden solle, diesen Unterricht streng wissenschaftlich zu gestalten, was vermutlich heißen soll, ähnlich dem Lateinischen. Dem entspricht auch die Bearbeitung der so sehr verbreiteten Grammatik von PIötz. Ich fürchte sehr, dass diese „wissenschaftliche Behandlung der formalen Bildung sehr wenig, dem Erlernen des Französischen aber gar nichts genützt hat. Was das letztere anlangtj so habe ich auch in neuester Zeit noch öfter, wenn ich einem jungen Mediziner eine französische Abhandlung, deren er zu seinem Studium bedurfte, übergab, zur Antwort erhalten, er könne nicht genug französisch, um sie zu lesen. — [In diesem Punkt ist eine wesentliche Besserung durch die Reformgymnasien ange- bahnt worden, welche als erste fremde Sprache in den unteren Klassen statt des Lateinischen Französisch lehren und zwar nach einer meinen Absichten viel mehr entsprechenden Methode.]](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21169019_0093.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)